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Tastillery: Kann man mit Tasting-Sets Genuss lernen?

Das Fireside Stories-Set von Tastillery wartet mit fünf fassgelagerten Bränden auf.
Das Fireside Stories-Set von Tastillery wartet mit fünf fassgelagerten Bränden auf.

Spirituosen auf Verdacht kaufen ist gefährlich: Wer 30 bis 80 Euro für 0,7 Liter Flüssigkeit ausgibt, sollte sicher sein, dass er das Stöffchen auch mag. Doof nur, wenn gute Bars und Schnapssammler-Buddys immer Hunderte Kilometer entfernt sind und die Heimatstadt wie ausgetrocknet scheint. Genau diesem Problem – und einigen mehr – widmen sich die Jungs von Tastillery: Ihre Tastings-Sets bringen euch ausgewählte Spirituosen näher – und sollen ganz nebenbei zeigen, wie genießen eigentlich funktioniert.

Das Probierset für diesen Artikel wurde uns zur Verfügung gestellt, Bedingungen gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  

Was ist Tastillery und wer steckt dahinter?

Tastillery verkauft über die eigene Webseite Tastillery.com (und bisher nur über die) Tasting-Sets: 5 mal 5cl Schnaps, als zueinander passende Auswahl zusammengestellt. Mal sind’s Gin-Sorten, mal Rums und mal eher Storytelling-geprägte Sets wie die Variante Fireside Stories, um die es hier und heute geht. Jedes Set kostet 39 Euro, zu den Gin-Sets gibt’s auf Wunsch für einen Zehner mehr die passenden Tonic Water-Sorten dazu. Wer die Spirituosen aus den Sets mag, kann sie direkt danach im Tastillery-Shop bestellen.

Die Idee dazu kam den beiden Cousins Andreas und Waldemar Wegelin beim Besuch des Le Lion in Hamburg, einer der bekanntesten Bars Deutschlands. Die Kurzfassung, die man diversen Interviews entnehmen kann: Andreas will einen Whiskey Cola. Waldemar schämt sich und bestellt seinem Cousin lieber einen Continental Sour. Weil Andy Business-Management studiert, Waldemar in ganz Europa als Art Director unterwegs war und beide gleichzeitig in einer guten Bar sind, gründen Sie kurz darauf ein Spirituosen-Startup, weil das kosmische Gesetz des Universums das eben so verlangt im Jahr 2016.

Fünf mal 5cl Spirituosen für 39 Euro finden sich in jeder Tastillery-Box.
Fünf mal 5cl Spirituosen für 39 Euro finden sich in jeder Tastillery-Box.

Normalerweise käme dabei jetzt der Hundertste Agency-made-Gin heraus. Hier nicht. Die Wegelins verlassen sich auf das was Sie können: Gute Produkte an interessierte Menschen verkaufen. Und mit der Tasting-Box gleich mal die eingangs angesprochenen Probleme der Leute zu lösen, die sich weder blind teure Flaschen kaufen möchten, noch eine gute Bar in ihrer Nachbarschaft haben. Dass das für die beiden nicht einfach nur Business sondern Leidenschaft ist, merkt man sofort, wenn man sie über Spirituosen reden hört. Belege gibt’s auf der Facebook-Seite von Tastillery. Unsere Empfehlung: Das Verkostungsvideo zur Smoking Guns-Box. Das hat 104% Authentizität. Und Weihnachtsmützen.

Die Fireside Stories-Box im Test

Von den derzeit fünf Tastillery-Boxen entscheiden wir uns für die Fireside Stories. Die anderen Boxen bieten Gin, exotischen Gin, Rum und rauchige Whiskys, die Fireside-Box bietet eine Auswahl fassgelagerter Spirituosen die perfekt zu einem Abend am Lagerfeuer oder vor dem Kamin passen sollen. Im Set finden sich: Der Woodford Reserve Bourbon Whiskey, der Cognac Hine Rare VSOP, der Scotch Whisky The Macallan Sienna, der Plantation Rum XO 20th Anniversary und der japanische Whisky Nikka from the Barrel.

Die Box selbst wirkt sehr kompakt, aber wertig und vergleichsweise schwer. Das verschörkelte Design wirkt im ersten Moment feminin, wenn uns beim Öffnen Badezusätze statt Spirituosen angelacht hätten, wir hätten uns nicht gewundert. Auf den zweiten Blick, wenn man sich die einzelnen Bilder innerhalb der Schnörkel anschaut, ist das zugegeben anders – da wird gesoffen, gekocht, gemixt. Innendrin: Ein großes Begleitheft und drei einzelne Bögen, die die Spirituosen näher beschreiben. Es erinnert ein bisschen an eine Runde Dungeons and Dragons mit Trinken: Ein Spielleiterbogen für den Chef und für jeden, der mittrinkt ein Charakterbogen mit den Statuswerten. Konnten wir uns sofort mit identifizieren.

Dass es drei sind, kommt nicht von ungefähr: Die 5cl in jedem Fläschchen sind perfekt, um die Spirituosen zu zweit oder zu dritt zu verkosten. Wer die Box für sich alleine kauft, für den reicht die Menge, um einmal pur zu kosten und den Rest anschließend im Lieblings-Cocktail zu testen. Auch, wenn die Bögen ausdrücklich darauf hinweisen, dass man etwa den The Macallan Sienna bitte nicht vermixen soll. Kann man drüber streiten, aber zugegeben: so viele Drinks wird’s nicht geben, in denen er besser schmeckt als pur.

Aber zurück zum Thema: Das große Begleitheft bietet nach einer kurzen Einführung des Sets im Wesentlichen allgemeine Info-Häppchen. Erklärt, dass man zum Verkosten verschiedener Spirituosen ein paar Snacks und Wasser bereitstellen sollte und warum riechen beim Tasting so wichtig ist – die Basics eben. Die einzelnen Bögen, auf denen man die Spirituosengläser zur Verkostung anordnen kann, bieten kurze Infos zu den Spirituosen und dem Geschmack. Die sind aber tatsächlich eher knapp – jede oberflächliche Internetrecherche fördert binnen Sekunden mehr zu Tage. Aber die fünf Gläser auf dem Tablet aufzubauen, sähe dafür wieder irgendwie doof aus.

Wie finden wir Tastillery?

Die Aufmachung ist ziemlich schick, die ausgewählten Spirituosen ergänzen sich perfekt. Mit den drei sehr unterschiedlichen Whiskys, dem Rum und den Cognac findet jeder was, das ihm tatsächlich gefällt (zumindest so lange er auf Fassgelagertes steht) und trotzdem sind sie so eng beieinander, dass man klar erkennt: die gehören zusammen. Alle fünf passen wunderbar zur After-Grill-Zigarre oder zur Steaksemmel, das Feuer-Thema ist ziemlich gut getroffen. Man könnte argumentieren, dass in einem Set zum Thema Fireside ein rauchiger Whisky fehlt – aber wer nach einem Laphroiag noch die feingliedrig-floralen Aromen des Hine-Cognacs genießen will, schmeckt halt leider nur Löwenzahn im Teer. Außerdem gibt’s dafür von Tastillery das Smoking Guns-Set.

Wir geben's zu: Die Gläser auf den Tastillery-Bögen aufzubauen und die Gefällt's-dir?-Kästchen auszufüllen, das macht tatsächlich Spaß.
Wir geben’s zu: Die Gläser auf den Tastillery-Bögen aufzubauen und die Gefällt’s-dir?-Kästchen auszufüllen, das macht tatsächlich Spaß.

Sogar die vorgeschlagene Reihenfolge wirkte stimmig: Vom vanilligen Bourbon, über den blumigen Cognac und den fruchtigen Scotch hin zum eher kräftigen Rum und dem vergleichsweise würzigen Whisky. Einziges Manko für uns sind tatsächlich die vergleichsweise dünnen Infos im Begleitheft und den Bögen. Ein wenig mehr Hintergrund zu den Destillen und der Geschichte der Brände selbst hätte nicht geschadet. So sehen wir jetzt schon, dass die Menschen beim Verkosten das Smartphone rausholen, um weitere Infos zu googeln. Haben wir nämlich auch gemacht. Die Verkostungs-Notizen indes sind in ihrer Knappheit perfekt: Einsteiger werden in die richtige Richtung geschubst und sind nicht demotiviert, weil sie die zwölf verschiedenen Früchte aus den Tasting Notes gar nicht riechen. Für Fortgeschrittene sind die Verkostungs-Notizen egal, die streiten sich später eh, ob der Plantation Rum jetzt nach kandierter, gerösteter oder gebratener Banane riecht.

Den Preis von 39 für 25cl Schnaps kann man erstmal viel finden. 19,41 Euro wäre der Gegenwert der Spirituosen, würde man sie aus selbst gekauften Flaschen abfüllen, und dann hätte man nur Schnaps. Kein Begleitmaterial, keine schicke Aufmachung. All das kostet Geld und am Ende des Tages wollen von Tastillery auch Menschen leben. Ohnehin ist es viel teurer, sich für fast 80 Euro eine Flasche The Macallan Sienna rauszulassen, die einem dann mit Pech nicht schmeckt. Ergo: Wir finden den Preis fair.

Fazit: Für Spirituosen-Kenner sind die Begleit-Infos etwas arg spärlich und die Bandbreite an Sets vielleicht auch noch etwas zu klein. An die richtet sich die Box aber auch nicht unbedingt. Durch den tollen Mix aus bezahlbaren, aber hochwertigen Spirituosen und Premium-Schnaps finden auch Fortgeschrittene hier noch Schätze und Einsteiger die ersten Flaschen für den Aufbau der Hausbar. Für alle, die gerne Schnaps verschenken würden, aber vor dem altbekannten Problem stehen („Ich weiß doch nicht, was der mag. Das braune Zeug halt. Und manchmal das durchsichtige.“) sind die Tastillery-Boxen jedenfalls eine galante Lösung.

Für diesen Artikel hat uns Waldemar von Tastillery freundlicherweise ein Set zur Verfügung gestellt. Darüberhinaus hat er aber weder Ansprüche an den Artikel gestellt, noch versucht, auf den Test Einfluss zu nehmen. Wir bedanken uns für die partnerschaftliche und unkomplizierte Zusammenarbeit 🙂

JohannTrasch

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