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Die Spirituosen-Verschwörung: Warum gibt’s keinen Premium-Schnaps im Discounter?

Wieso gibt es die guten Sachen eigentlich nie beim Discounter um die Ecke? Quelle: Fotolia.com © Light Impression
Wieso gibt es die guten Sachen eigentlich nie beim Discounter um die Ecke? Quelle: Fotolia.com © Light Impression

Warum haben Aldi und Lidl nur Billig-Schnaps? Warum gibt es selbst bei der Metro und dem ansonsten ordentlich sortierten Edeka keine Bitters (oder höchstens einen)? Warum hat der Laden für Barzubehör und gehobene Schnaps-Ansprüche Öffnungszeiten aus der Hölle und wieso liegt er in einer Gegend mit nur Stau aber ohne Parkplätze? Warum muss ich das gute Zeug eigentlich immer im Internet bestellen – und zwar von fünf verschiedenen Händlern, weil keiner davon alles hat, was ich gerade will?

Fragen, die wir uns bisher höchstens unterbewusst gestellt haben, hätte nicht Jörg Meyer – wahrscheinlich der bekannteste Bartender Deutschlands und Erfinder des Gin Basil Smash – auf Facebook seinen Unmut über Green Mark Vodka bekundet. Also eigentlich nicht über den Wodka selbst, den mag er nach wie vor,  sondern darüber, dass er gerade beim Lidl stand. Zusammen mit Russian Standard, für 7,99 Euro die Flasche. Es entbrennt eine Diskussion unter Brennern, Bartendern und Spirituosen-Journalisten. Und wir lesen heraus: Das gute Zeug gibt’s nicht bei uns ums Eck, weil „die da oben“ das gar nicht wollen. Nichts weniger als eine gewaltige Spirituosen-Verschwörung der bösen Cocktail-Elite also, oder?

Premium vs. Discounter

Nö – denn ersten ist da nichts gewaltig, zweitens ist da keiner böse. Wer sich die kompletten Originaldiskussionen über Green Mark Vodka im Lidl und Fever Tree Tonic Water im Penny auf der Facebook-Seite von Jörg Meyer genau durchliest, erlebt eine emotionale, aber faire und menschliche Diskussion über den Sinn und Unsinn von Preigestaltung und Verfügbarkeit in einer Branche, in der jedes Produkt, jeder Drink, jeder Bartender, jede Bar, jeder Brenner und jeder Importeur seine Nische(n) finden muss. Brutal transparent.

Die Grundlage der Diskussion ist folgende: Jörg Meyer will in seiner gehobenen Bar (dem Le Lions – Bar de Paris in Hamburg) keine Spirituosen, die der Kunde aus dem Discounter kennt. Passt nicht zum Image, passt nicht zur Atmosphäre. Das liegt nicht mal an der Qualität oder dem niedrigen Preis, der – so lesen wir heraus – im Lidl sogar niedriger ist als im Großhandel. Es geht um das Flair des Besonderen, den selbst der beste Brand verliert, wenn er zwischen Lidl-Eigenmarken und Ja-Produkten liegt. Wer im Discounter steht und „Sonderangebot“ schreit, der kann in Speakeasy-Atmosphäre eben nicht mehr den dicken Max markieren.

In gehobenen Bars Cocktails mit Sachen aus dem Discounter mixen? Kommt für die meisten nicht infrage.
In gehobenen Bars Cocktails mit Sachen aus dem Discounter mixen? Kommt für die meisten nicht infrage.

„Bessere Lebensmitteleinzelhändler“, etwa Edeka, wären dagegen okay. Da ist das Sortiment ja ohnehin gehobener und die Marke geht seit Jahren eher Richtung Feinkost. So oder so: Meyer schmeißt Green Mark und nach einer zweiten Facebook-Diskussion auch Fever Tree-Tonic Water aus dem Le Lions und sucht sich stattdessen Ersatz – neuen Wodka, neues Tonic Water. Die Meinungen von Brennern, Bartendern, Genießern und Redakteuren, die sich jetzt alle unter dem Facebook-Post versammeln, gehen auseinander: Einige feiern, dass gehobene Trinkkultur endlich beim Volk ankommt, andere stimmen mit Jörg Meyer überein, wieder andere schimpfen auf alle großen Konzerne und die Großhändler, die überhaupt an Lidl liefern.

Supermarkt vs. Bar

Wir erfahren: Vor allem kleinere Craft-Betriebe legen Wert darauf, nicht im Supermarkt-Regal zu landen – etwa Felix Kaltenthaler mit seinem Revolte Rum. Auch, wenn man damit langfristig sicher mehr Kohle machen könnte. Die Taktik der Großen scheint zu sein: In den coolen Bars den Cool-Tank auffüllen, bis auch wirklich jedem klar ist: das Ding ist der nächste geile Scheiß. Und dann raus in die Supermarktregale, damit man sich beim Penny das gute Fever Tree gönnen kann, für 1,29 die Flasche. Ist ja sogar billig, wenn man sich erinnert, was man letztens in der Bar für den Gin Tonic mit dem Zeug bezahlt hat.

Eine Taktik, die Jörg Meyer anprangert: Klar müsse es gutes Zeug zu fairen Preisen geben, aber dann sollen die Hersteller bitte vorher nicht einen auf superschick machen. Vor allem wenn sie wie Fever Tree eh schon an der Milliarde Firmenwert kratzen. Andere, gerade kleinere Hersteller verlieren anscheinend manchmal sogar die Kontrolle – ihre Waren landen ohne ihr Zutun sonstwo und sie bekommen den Image-Verlust ab. Aber ist der überhaupt so schlimm, wie die Damen und Herren aus der Branche das glauben? Und was meinen überhaupt wir dazu?

Hobby-Mixologen vs. Gastronomie

Wir geben’s zu: Wir haben uns nicht getraut, in die Diskussion einzusteigen. Zwischen all den Branchengrößen waren wir zu schüchtern, um nach einem halben Jahr bloggen schon unsere Klappe aufzureißen. Aber wir haben natürlich intern diskutiert. Denn: Zum einen finden wir’s toll, wenn’s die guten Sachen auch um die Ecke gibt, wenn wir keine Versandkosten bezahlen müssen. Einfach 300 Meter die Straße runtergehen, in einen Laden, der bis 20.00 Uhr offen hat und aus 74 verschiedenen Bitters den richtigen raussuchen. Heimgehen, mixen, trinken. Auf der anderen Seite haben wir auch hier auf cocktailbart.de ein ähnliches Problem wie die Bar-Betreiber und Brenner: Wenn einen Cocktail oder Spirit schon jeder kennt, dann wird einen Artikel dazu kaum jemand anklicken.

Neue Cocktails wie der Bavarian Sour, die keiner kennt, funktionieren für die Leser derzeit am besten
Neue Cocktails wie der Bavarian Sour, die keiner kennt, funktionieren für die Leser derzeit am besten.

Reviews und Rezepte zu Mint Juleps und Hendrick’s Gin sind entsprechend weniger Klickfang als vielmehr einfach ein Ausdruck dessen, das wir gerne über das schreiben, was wir trinken und womit wir gerade experimentieren. Zur Not auch mal, wenn’s gerade keine Sau interessiert. Trotzdem sind es die für Home-Mixer nicht ganz so bekannten Sachen wie der Gin Basil Smash, ein Cucumber Frog oder Eigenkreationen wie der Bavarian Sour, die auf der Seite mehr Publikum finden. Also haben wir eigentlich genau wie die Szene selbst ein Interesse daran, dass es spannende, unbekannte Sachen gibt, die schwierig zu kriegen sind, die wir euch dann empfehlen können. Aber braucht das dann alles wirklich so einen Premium-Anstrich? Sind wir uns auch nicht so ganz einig. Der Einfachheit halber hier unsere Handy-Chat-Diskussion dazu:

Johann: Schau mal, die Diskussion. Der Grund, warum ich fast keinen coolen Cocktailkram im Laden kaufen kann ist, dass die das gar nicht wollen. Ich überleg, daraus einen Artikel zu machen.

Thomas: Warum nicht?  Am Samstag im Lidl auch den Russian Standard gesehen, auf den Green Mark gar nicht geachtet, war sicher auch da.

Johann: Den hab ich da jetzt aber schon öfter gesehen. Das erklärt aber auch, warum’s zum Beispiel den Ketel One nirgends gibt, der is dann wohl superpremium.. Obwohl günstiger als der Goose.

Thomas: Schau immer nur auf den Standard.

Johann: Der hat halt auch die beste Preisleistung. Aber ich kannte den Green Mark gar nicht.

Thomas: Aber wenn die Bars das dann nicht mehr ausschenken, weil’s das im Lidl gibt, dann heißt das im Umkehrschluss, dass die den vorher schon nicht wegen der Qualität ausgeschenkt haben, sondern wegen der Coolness.

Johann: Oder dass Wodka, der gut ist, einfach nicht mehr als 10 Euro kosten muss und alles darüberhinaus nur Premium-weil-wirs-können-Aufschlag ist.

Thomas: Kann man für den Hobby-Bartender sicher daraus ableiten. Für Bars isses aber tatsächlich schwierig. Wenn die das gleiche Zeug haben wie ich im Gefrierfach macht das natürlich keinen Eindruck. Andererseits erwarte ich von Profis, dass die das reinhauen, was am besten ist. Und wenn das in dem Drink ein Gordon’s ist, dann ist das halt so.

Johann: Da haste dann die Frage des Anspruchsdenkens. Wer erforscht denn so einen Drink dann alles gustatorisch und wer zahlt 12 Euro nur freiwillig, weil er denkt da steht 100% Premium dahinter und schluckt einfach? Du und ich mögen Handwerk, Kreativität und Liebe. Ich glaub aber, die meisten wollen einfach nur kein Pöbel sein beim Saufen.

Thomas: Im Endeffekt wollen die Barleute nur, dass ihr verwendetes Zeug für den Privatmann möglichst zu teuer ist. Damit kann jeder (außer Lidl 😜) fette Gewinnspannen fahren. Fordert da ja auch einer Verhältnisse wie bei Lacoste-Klamotten. Wennst die billiger verkaufen willst, wirst halt nicht mehr beliefert.

Johann: Aber der Jörg Meyer sagt ja auch, dass das ne Barfrage ist – der hat ja einen Luxusschuppen und eine Middleclasskaschemme. Die Frage ist halt jetzt: Ist Luxus „Kenn ich nicht und ist teuer?“ oder ist Luxus „Da hat einer 40 Stunden rumprobiert, bis das perfekt war und jetzt is wurscht, was drin is weil geil? Wodka ist da halt ein einfacher Diskussionpunkt, weil du ab 8 Euro was kriegst, dass nach nix schmeckt und das ist die höchste Qualität, solang du nicht in die Craft-Richtung denkst, wo du Brot und Kartoffeln zum trinken hast. So gilt Style > all. Aber wie isses beim Gin?

Thomas: Gin muss halt schon passen. Wobei,  was haben’s denn so im Schnitt da? Einen Bombay, einen Tanqueray, einen Gordon’s. Gut, vielleicht geh ich zu sehr von Regensburger Studentenbars aus, aber von der Sorte gibt’s halt viele. Für nen Monkey musst schon ins Storstad. Wenn wo als Zutat steht „Whisky“, geh ich auch davon aus dass ich nen Jacky krieg.

Johann: War jetzt im Lidl. Der Green Mark hat wirklich nur 8 Euro gekostet. Und das is jetzt sauguter, geheimer Luxusbar-Wodka?

Thomas: Lol, das dürfte dann ungefähr sein was die Bars dafür zahlen. Kann ich auch einen Gorbatschow reinschütten.

Johann: Vom Preis her: Ja. 

Thomas: „Das ist wenigstens ’ne Marke. Nicht dieser Billigplempl vom Lidl.“

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JohannTrasch

Ein Kommentar

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  • Sehr schöne Aufbereitung der Facebook-Diskussion. Besonders das „Gespräch“ am Ende finde ich sehr gelungen. Während ich die Meinung von Jörg Meyer nachvollziehen kann, kann ich sie aber nicht gutheißen – ich schließe mich da Eurem Fazit an. Wenn er jetzt nicht mehr einen faktisch guten Schnaps ausschenken will, nur weil der Kunde diesen bei Lidl statt bei Edeka kaufen kann, dann ist das für mich Snobismus in Reinkultur – ich dachte, die Cocktailwelt von heute wäre über solche Sperenzchen und Attitüden hinweg gekommen. Scheinbar nicht alle.