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FARADAÍ: Schwarztee mit Parákresse

FARADAÍ ist seine eigene Spirituosen-Kategorie mit Schwarztee und Parákresse.
FARADAÍ ist seine eigene Spirituosen-Kategorie mit Schwarztee und Parákresse.

Tee und Schnaps, das geht zusammen wie Butter auf Brot. Das wusste schon die Oma, wenn Sie sich den ordentlichen Schuss Rum in den Tee gekippt hat. Während Oma in Sachen Mixology aber eher schlicht gestrickt war, haben die Jungs hinter FARADAÍ sich groß und breit „Innovation“ auf die Fahne geschrieben. Einfach mal was machen, dass es noch nicht gibt, mit was, das jeder kennt (Tee) und irgendwas mit gewaltigem Hä?-Faktor (Parákresse), benannt nach einem Wissenschaftler, der dadurch bekannt wurde, dass er sich in einem Gitterkäfig mit Blitzen beschießen ließ.

Die Flasche für dieses Tasting wurde uns vom Hersteller auf unsere Anfrage zur Verfügung gestellt, Bedingungen an den Artikel gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  

Klingt zugegeben nach Hipster und dafür spricht eigentlich auch das Flaschendesign mit den kaum leserlichen Buchstaben, die aber doch irgendwie schick aussehen – vor allem auf der schwarzen Schachtel, in der der FARADAÍ ausgeliefert. Die sieht ein kleines bisschen so aus wie eine Sammelbox für Metalalben. Dazu noch die Schreibweise mit dem Accent und in Versalien und die Zusammensetzung des Teams aus Felix Arhelger (Barkeeper), Nicolas Wenz (Koch) und Andre Athari (Kommunikation) – wenn’s im Schnapsbrennen Boybands gäbe, man würde sie exakt so casten. Und zwar verflucht nochmal zu Recht.

Die Story hinter dem Schwarztee-Destillat

Die drei wollten nicht nur etwas eigenes, besonderes machen, sondern sich an dem orientieren, was Nicolas all die Jahre vorher in der gehobenen Gastronomie getan hat: Die Augen offen halten, neue Geschmäcker kennen lernen und ausprobieren, mit spannenden, neuen Produkten arbeiten. Dann entdeckte er die Parákresse: Ein in Brasilien beheimatetes, herb-süßes Gewächs, das vor allem in der asiatischen Küche Verwendung findet und mit unserer Kresse mal so gar nix zu tun hat. Versteh einer diese Botaniker.

FARADAÍ mit Tonic Water ist simpel - aber ziemlich lecker.
FARADAÍ mit Tonic Water ist simpel – aber ziemlich lecker.

Jedenfalls probieren die Herren dann zwei Jahre mit der Parákresse herum, sind fasziniert von dieser rot-gelben Blüte, die im ganzen Mund ein taubes, elektrisches Gefühl hinterlässt. Daher kommt auch der Name FARADAÍ. Die drei experimentieren, tun und machen und stellen dann fest: Das geht halt voll gut mit schwarzem Tee. Und weil die Spirituosen-Boyband auch hier nicht einfach nur irgendeinen Tee nehmen kann, kommt eine spezielle Mischung aus Ceylon- und Assam-Schwarztee zum Einsatz. Tee und Kresse werden getrennt destilliert und am Ende hat man eine ganz neue Spirituose auf dem Tisch. Aber hat sich der Stress jetzt gelohnt?

So schmeckt FARADAÍ

Im Glas wirkt das Destillat wie sehr, sehr dicker, rotbrauner Schwarztee, liegt ölig im Glas und hinterlässt dicke Schlieren beim Schwenken. Der Geruch ist deutlich anders, als wir erwartet hatten: Zuallererst steigen uns warme Kakao- und Schokoladen-Aromen in die Nase, dicht gefolgt vom Tee, der dann dominant übernimmt. Nach einer Weile des Schnupperns und Stehenlassens werden die feineren Aromen riechbar, der Tee bekommt eine ledrige Tabaknote, ein wenig Zitronengras kommt mit.

Nase: Kakao, Schokolade, Schwarztee, Tabak, Leder und ein leiser Anklang von Zitronengras

Mund: Schwarztee, Pinienhonig, Elektrizität, Malzbonbons und ein Hauch Lakritz

Im Mund spüren wir erstmal eine klare Honigsüße, dann kommt heftig der Schwarztee hinterher und schlägt ein wenig in einen edlen, herben Früchtetee um. Am Gaumen wird die Hönigsüße klarer, definierter, wandelt sich zu einem würzig-kräutrigen Wald- oder Pinienhonig. Als wir uns auf den Nachgeschmack konzentrieren wollen, brizzelt uns plötzlich der gesamte Mund. Zunge, Mundraum, Lippen, alles ist elektrisiert und taub und zwar deutlich stärker als zunächst gedacht. Der zweite Schluck offenbart warme Aromen von Malzbonbons mit einem fast unmerklichen Hauch von Lakritz.

Ab Schluck drei ist der elektrisierende Effekt derart krass, dass wir uns nicht sicher sind, ob wir uns nicht vielleicht eine kollektive Lebensmittelallergie eingefangen haben. Erst als wir uns davon überzeugt haben, dass keiner stirbt, können wir anfangen, dieses extrem krasse Mundgefühl zu genießen. Pur ist FARADAÍ eine Herausforderung, aber irre spannend. Selbst wenn man ihn nicht mag – und das wird’s geben – muss man sich vor diesem komplexen Ding verneigen. Und wenn man eh schon mal gebückt steht, kann man gleich mal die Nase in die Cocktailbücher halten …

Drinks mit FARADAÍ

Dass ein Spirituosen-Hersteller neue und eigene Wege gehen möchte, ist nichts neues. Passiert beim BIRDS Weissbrand ja auch. Nur während man die Basis hier kennt (Riesling) und im Wesentlichen eine wacholderlosen Gin mit Weißwein gebrannt hat (der hammerhammergut ist), ist der FARADAÍ etwas komplett neues. Das geht soweit, dass niemand sonst in Europa überhaupt Parákresse benutzt – die FARADAÍs sind die einzigen, auf unserem Kontintent die das Zeug verarbeiten. Gibt’s also noch gar keine Cocktail-Rezepte damit? Doch klar: Auf der Rezept-Seite der FARADAÍ -Webseite finden sich diverse Kreationen bekannter und weniger bekannter Bartender.

Weil hier alle Rezepte mit ganz expliziten Spirituosen-Sorten angegeben sind, mussten wir teilweise erst googeln, was wir uns da überhaupt in den Drink schütten sollen. Viele der Rezepte sind vergleichsweise kompliziert – Nicolas empfiehlt uns daher auch nochmal explizit, eine Mule-Variante mit Ginger Beer und einen Negroni-Twist zu probieren. Negroni-Twist finden wir geil – weil wir geschlossen keinen Campari ausstehen können. Das Ergebnis ist klassisch herb, erinnert an einen Manhattan mit Tee. Muss man mögen. Die Mule-Variante ist dagegen der Wahnsinn. Der herbflorale FARADAÍ schmiegt sich an den Ingwer und zusammen mit dessen Schärfe tanzt die Parákresse den Paralyse-Tango auf der bald schon tauben Zunge.

Der Cherry Tea (Sauerkirschmarmelade, Bitters, FARADAÍ) und der Cherry Tea Highball (Soda, Sauerkirschsaft, FARADAÍ) zeigen, dass die herben Aromen wunderbar mit fruchtig-saurer Süße harmonieren. Das gilt übrigens auch für den überraschend leckeren FARADAÍ Tonic. Hier raten wir aber zu einem möglichst unauffälligen Tonic Water wie dem Fever Tree mediterranean, das nicht zu viele Bitternoten hat. Mit denen funktioniert der Drink für uns nicht. Was für uns dagegen total gut funktioniert: der Charitea Highball. Eine Kombi aus 10 cl Charitea Black, einem Teegetränk aus dem Supermarkt und 5 cl FARADAÍ. Klingt simpel, ist aber so irre gut, dass wir kurz überlegen, den 5-Uhr-Tee einzuführen. Vom Geschmack her wie eine herbe, erwachsenere Variante des Spreegrafen von The EARL Spirit. Ach ja: Wie sehr ähneln sich die beiden Tee-Destillate eigentlich?

FARADAÍ vs. The EARL Spirit

Entwarnung: Hier gibt’s keinen Konkurrenzkampf. Auch wenn beide Spirituosen auf Schwarztee setzen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Der EARL hat klare Zitrus-, Bergamotte- und Ingwer-Noten und wirkt damit eher asiatisch oder eben wie ein Earl Grey, während man den erdig-würzigen FARADAÍ in der Blindverkostung wohl auch neben bayerische Edel-Kräuterliköre stellen könnte. Welcher euer persönlicher Favorit ist, ist eine reine Geschmacksfrage. Was man sagen kann: Der FARADAÍ ist komplexer und vielschichtiger – das macht ihn aber auch sehr viel schwieriger in Drinks einzusetzen.

Das ist dann vielleicht auch die wahre Schönheit an dieser Spirituose: So wie die Parákresse ihre Entdecker inspiriert hat, sie angetrieben und auf immer neue Spirituosen-Ideen gebracht hat, so stehen auch wir jetzt hier mit diesem verflucht spannenden Destillat, verfolgt von der Frage: „Was können wir damit jetzt noch alles anstellen?“ Naja. Wir haben einen Sahnesiphon. Und wir werden ihn benutzen!

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Fazit: Irre komplexe Spirituose, die pur viele Menschen komplett überfordert. Als Mixer ist der FARADAÍ aber eine Urgewalt, mit der man angestaubte Klassiker wie den Negroni mit einem Turboknopf ausstatten und gustatorische Cocktail-Raumschiffe bauen kann.

Daten: 35%, 0,5 Liter für 28 Euro, Deutschland

Auf Anfrage hat uns das Team hinter FARADAÍ  eine Flasche zur Verkostung zukommen lassen, zusammen mit weiteren Informationen rund um ihr Produkt, nebst persönlichen Empfehlungen. Darüber hinaus haben sie aber weder auf den Artikel noch auf das Tasting Einfluss genommen, sondern ihr Produkt für sich sprechen lassen. Wir sagen „Danke!“ für die wahnsinnig tolle Zusammarbeit 🙂

JohannTrasch

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