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Lucky Hans Bavarian Dry Gin: Der Obstler unter den Gins dieser Welt

Lucky Hans Bavarian Dry Gin als Silver Gin Fizz - weil der so absurd fruchtig daherkommt, mit Apfelschale statt Zitronenzeste.
Lucky Hans Bavarian Dry Gin als Silver Gin Fizz - weil der so absurd fruchtig daherkommt, mit Apfelschale statt Zitronenzeste.
Bavarian Gin, das ist keine geschützte Herkunftsbezeichnung (wie zum Beispiel Cognac) und keine Info über die Herstellung wie beim London Gin (so nennt sich jeder Gin, der nur aus Wasser, Alkohol und Botanicals besteht und der keine weiteren Zusatzstoffe aufweist). Bavarian Gin, das ist wie Saar Dry Gin, Rheinland Dry Gin oder Maxhütte-Haidhof Gin einfach nur ein Label, dass auf dem Etikett prangt, weil der Brenner halt von da kommt. Und weil ein bisschen Lokalpatriotismus bei Vermarktungs-Start schon viel ausmachen kann. So stellt sich jetzt also neben Spirituosen wie den Granit Gin und den Kaiser Hill der Lucky Hans Bavarian Dry Gin.
Die Flasche für dieses Tasting wurde uns vom Hersteller auf unsere Anfrage zur Verfügung gestellt, Bedingungen an den Artikel gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  
Wobei die Herkunft des Gins bei keinem davon so unglaublich offensichtlich ist wie bei Lucky Hans. Als würde der Name alleine es noch nicht verraten, prangt auf dem Etikett ein Almöhi mit Gamsbart und Schlagring auf dem groß und dick „HANS“ steht. Weil „Lucky Punch“ und so. Sogar geprägt ist der Schriftzug, damit die Faust gefühlt auch ein bisschen aus der Flasche herauskommt. Der Granit Gin versteckt seine bayerische Herkunft auch im Namen und im Label, aber eher galant,  bei Hans dagegen gibt’s auf’s Maul – im ersten Moment könnte man meinen, der Lucky Hans wäre eine Parodie auf bayerische Gins.

Dem aufdringlichen Design entgegen stehen mit Schlehe, Malz, Vogelbeere, Apfel, Birne, grüner Walnuss und natürlich Wacholder dann allerdings derart liebevoll ausgewählte Botanicals, dass uns klar wird: da nimmt jemand das „Bavarian“ im Namen durchaus sehr ernst. Denn wenn wir angesichts dieser Mischung die Augen schließen sitzen wir plötzlich wieder mit Oma, Opa und der ganzen Familie in der Wirtshaus, alle sitzen sie nach dem Essen noch da mit ihrem Verdauungsschnaps. Apfel, Birne, Vogerl und für die Oma eine Schlehenlikör …

Die Story hinter Lucky Hans Bavarian Dry Gin

Dass der Lucky Hans seine bayerische Herkunft im Design eher herausschreit, statt einfach bayerisch auszusehen hat einen Grund: Hinter Lucky Hans steht Alandia, ein Kölner Hersteller von und Online-Shop für Absinth. Weil Alandia in Bayern bereits Absinth herstellt, wollte man auch etwas Traditionelles aber trotzdem neues schaffen, das zur Region passt. Welche Brennerei hinter Lucky Hans steckt, konnten wir entsprechend leider nicht in Erfahrung bringen.

Hans hat seine eigenen Untersetzer aus blauem Kunstleder, die's zum Beispiel im Alandia-Shop zu kaufen gibt. Schon schick.
Hans hat seine eigenen Untersetzer aus blauem Kunstleder, die’s zum Beispiel im Alandia-Shop zu kaufen gibt. Schon schick.

Einerseits ist es herrlich ehrlich, dass sich hier niemand eine übertriebene Marketingstory über den bayerischen Onkel Hans und sein Familienrezept für Gin ausgedacht hat. Dass jemand einfach sagt: Wir haben eine gute Idee für ein Produkt, an die glauben wir, also machen wir das. Andererseits erweckt genau dieser fehlende Hintergrund in Kombination mit Schlagring-Hans auf der Flasche dann doch wieder den Eindruck eines Marketing-Produkts. Zugegeben: An der Stelle kann man’s uns echt nicht rechtmachen. Muss es eben der Geschmack richten, der aus den gerade mal sieben, dafür sehr bayerischen Botanicals entsteht:

So schmeckt Lucky Hans

Im Glas ist der Gin glasklar und sehr ölig, schon bei Zimmertemperatur. Die Nase kommt zunächst ein wenig einseitig daher, lässt im ersten Moment nur den intensiven Wacholder zu. Doch direkt dahinter folgen die Frucht-Aromen, Birne und Apfel sind klar wahrzunehmen. Die übrigen Aromen verstecken sich etwas, zeigen sich aber, als wir den Gin ein paar Minuten stehen lassen. Klare würzig-nussige Noten, mit einem Hauch von Mandel.

Nase:Wacholder, Apfel, Birne, Mandel

Zunge: Wacholder, Marzipan, Apfel, Birne, Schlehe

 
Auf der Zunge ist es dann als erstes auch wieder der Wacholder, der zu Tage tritt, ganz dicht gefolgt von einer bitter-nussigen Marzipansüße und einer fast schon kräutrigen Note. Die Frucht kommt erst im Abgang, dafür mit Wucht und bleibt im Nachklang noch absurd lange auf der Zunge. Während wir beim tatsächlichen schmecken nur Frucht auf der Zunge haben, lassen sich im Nachgeschmack Apfel, Birne und sogar ein wenig Schlehe herausschmecken. Ein guter und sehr eigener Wacholderbrand, irgendwo zwischen Gin und Obstler.

Lucky Hans im Gin Tonic

Die Empfehlung des Herstellers für einen Lucky Hans G&T lautet „Klassisches Tonic Water mit Apfelschnitz als Garnitur.“ Klassisch, das meint hier alles, was eine gewisse Grundbitterkeit hat – das normale Schweppes, das normale Thomas Henry, das normale Aqua Monaco. Was sollen wir sagen, mit dieser Empfehlung kann man schwer streiten – vor allem weil der Lucky Hans verdünnt ganz neue Qualitäten entfaltet: seine Fruchtigkeit spielt sich massiv in den Vordergrund, während sich der Wacholder-Ton in der Gin-Cocktail-Grundnote verliert. In Cocktails wird er erst zum wahren Hans. Das macht den Gin Tonic schon ohne Garnitur einzigartig, fast als hätte man sich den Gin Tonic mit 2 cl Gin, 2 cl Calvados und 2 cl Williams Birne gemixt.
Einen Lucky Hans-Gin Tonic mixt man mit klassischen Tonics und garniert ihn mit einer Apfelspalte.
Einen Lucky Hans-Gin Tonic mixt man mit klassischen Tonics und garniert ihn mit einer Apfelspalte.
Mit Apfelschnitzen wird das Ding dann endgültig komplett. Zitronenzesten und Gurken sind dagegen eher Störfaktoren. Wobei ihr die Bitternote aus den Tonic Waters wirklich mitnehmen solltet – zu leichte, süffige Tonics wirken nicht ganz so rund. Elderflower-Varianten geben dem Drink ein Aroma dass es, wie Hans sagen würde, „na alt’n Sau graust“. Was dabei herauskommt, schmeckt wie ein hochprozentiger Hugo mit Kohlensäure. Kann sein, dass es für sowas dann sogar einen Markt gibt. Aber nicht in der Cocktailbart-Redaktion.

Lucky Hans in anderen Gin-Cocktails

Wo der Lucky Hans Bavarian Dry Gin noch die Hauptrolle spielen darf, ohne mit zu vielen anderen Aromen zusammengeschmissen zu werden, da macht er sich besonders gut, da lebt er auf: Ein Silver Gin Fizz (Eiweiß, Zitrone, Gin, Soda) schmeckt so krass nach Apfel, das wir ihn lieber mit Apfelschale statt mit Zitronenzeste garnieren – und uns davon gleich nochmal einen mixen. Im Bavarian Sour stört uns irgendwas – bis wir die Bitters von The Bitter Truth Chocolate Bitters auf Ferdinand Bitters Rubinette Apple – Lemon Thyme wechseln. Auch dieses Cocktail-Rezept profitiert so massiv von der Frucht, ist allerdings geschmacklich kaum wiederzuerkennen.
Der Gin Basil Smash mit Hans bekommt im Test ein paar runtergezogene Mundwinkel mit dem Fazit „Weiß nicht.“ Im Martini braucht der Lucky Hans Gin ein Mischverhältnis aus 2:1 von Gin und Wermut (und um Himmelswillen keine Oliven), um zu glänzen, dafür ist das Ergebnis so spannend, dass wir wirklich überlegen mal einen Martini mit Obstler zu mixen. Aber das Highlight im Test bleibt der Gin Fizz. Direkte Gegentests mit einem Juniper Jack-Fizz (irre wacholderlastig) und einem Obstler-Fizz mit Black Forêt ergeben zusammen mit Lucky Hans-Fizz eine wunderschöne Geschmacksreise über Wacholderfelder und Streuobstwiesen. Buchen wir wieder.
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Fazit: Der Gin für Menschen, die eigentlich lieber Obstler trinken, aber nicht als einzige auf der Party ohne Gin Tonic dastehen wollten. Kommt am besten in Cocktails, in denen er mit wenig anderen Aromen konkurrieren muss und seine Fruchtigkeit komplett entfalten darf.

Daten: Deutschland, um 35 Euro, 44 Prozent

Dr. Mike Schallehn von ALANDIA hat uns auf Nachfrage eine Flasche Lucky für das Tasting zur Verfügung gestellt, danach aber weder auf den Artikel, noch auf das Tasting Einfluss zu nehmen versucht, sondern uns stattdessen mit weiteren Informationen versorgt. Wir sagen Danke für die tolle und unkomplizierte Zusammenarbeit.

JohannTrasch

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