Cocktailbart / News & Guides / In 10 (oder mehr) Cocktails durch: Regensburg / Seite 2

In 10 (oder mehr) Cocktails durch: Regensburg

In 10 oder mehr Cocktails durch Regensburg : Marple & Stringer
In 10 oder mehr Cocktails durch Regensburg : Marple & Stringer

Cocktail 1 bis 4: Marple & Stringer

Am Regensburger Bismarckplatz ist im Sommer die Hölle los – hier hockt bei warmen Wetter die halbe Uni. Entsprechend gut hat sich das erst diesen Mai eröffnete Marple & Stringer positioniert. Das Bar & Deli bietet britische Küche, nur in gut: Eggs Benedict, frische Fish & Chips, Pulled Pork Sandwiches – sowas eben. Wer das jetzt kombiniert mit dem Straßenverkauf, der Cuba Libre und Aperol Spritz to go verkauft, erwartet erstmal alles – außer richtig geile Drinks.  Nur an der Karte vor der Tür sieht man dann eine kleine, aber feine Auswahl aus abgefahrenen Custom-Made-Sirup-Cocktails, rauchige Whisky-Drinks mit Kokosmilch und anderem Zeugs, die man so hier nicht erwartet.

Auf unserer Liste steht das Marple & Stringer, weil es neu ist und wir schon mal da waren. Sonst wären wir vermutlich einfach vorbeigelaufen. Wäre schade gewesen: Wer reinkommt, erlebt einen grotesk gut kombinierten Mix aus schwarzem Leder, Wirtshaus,  Kinosaal (an einer Wand sind Kinositze statt einer Bank – Hammer) und Altstadt-Kneipe. Und irre freundliches Personal. Wir platzieren uns auf einer schwarzen Ledercouch auf der kleinsten Bühne der Welt, in Armreichweite zur Bar.

Auf dem prominenten Sitzplatz halten uns die anderen Gäste für lebendige, Unsinn redende Einrichtung. Während wir noch debattieren, ob wir uns dafür bezahlen lassen sollen, wird die Bühne live vor unseren Augen mit schwarz-gelbem Signalband gesichert wird, damit keiner stolpert. Dabei erfahren wir auch: Ist gar keine Bühne. Ist eine Stufe. Schade. Dass der Laden noch im Aufbau ist, dass hier zu Beginn wohl nicht alles glattging, das spürt man ein bisschen. Stört aber gar nicht – weil die Belegschaft weiß, wie man ein bisschen Chaos mit ein bisschen mehr Offenheit und Freundlichkeit kompensiert. Und weil wir später noch einen Teller (leckerer) Fish & Chips gratis abgreifen, weil der Koch gerade neue Rezepte ausprobiert. Aber was gibt’s hier jetzt eigentlich zu trinken?

Die Drinks im Marple & Stringer

Auf der Karte stehen bei unserem Besuch genau sechs Drinks und mit Namen wie Orizaba oder Stringers Milk Punch sind die wohl weitab vom Massengeschmack – und auch weitab vom Cuba Libre to go. Einzig den Red Snapper kennt man: im Wesentlichen eine Bloody Mary mit Gin. Für die Zielgruppe ist das wohl zu skurril, laut der Chefin gibt’s wohl bereits Beschwerden, dass es keine “normalen” Cocktails gibt. Normal ist genau das, was wir nicht wollen – also starten wir mit einem Orizaba (Mezcal, Biersirup, Dubonnet, Ananassaft, Lavendel, Zitrone) und einem Red Snapper (Rosmarin-Gin, Provence-Tinktur, Tomatensaft, Zitrone, Sherry).

Die Tinkturen, Infused Gins und Sirups sind selbstgemacht. Der Mann hinter der Bar ist laut eigener Aussage zwar eine Weile aus der Übung, kam erst kurz vor Eröffnung zum Marple & Stringer – merkt aber keiner. Zugegeben: Als im Orizaba statt des angekündigten Mezcals Tequila landet, sind wir etwas missmutig. Genau dieser Cocktail ist es dann auch, der uns weniger begeistert. Handwerklich gut gemacht, lecker, blumig-fruchtig – aber im direkten Vergleich mit dem wuchtigen, aber gleichzeitig unglaublich fein austarierten Red Snapper leider blass.

Garniert mit Sellerie und Tomate bringt der Urvater der blutigen Marie genau die richtige Mischung aus Würze und mediterranen Aromen. Das Teil ist besser als fast alle Tomatensuppen, die wir jemals gegessen haben – aber halt mit Schnaps. Der Gin macht die ganze Sache blumiger, die Provence-Tinktur mit Kräutern und Heu, das man klar herausriecht, macht ihn erdiger und voluminöser. Daneben wirkt die Mischung aus Wodka, Tomatensaft und zwei Kilo Salz, die man in den umliegenden Bars bekommt, bemerkenswert lieblos.

Die zweite Runde

Zweite Runde: Cherry’s Darling (Wodka, Kirsch, Cranberry, Zitrone, Balsamico, Zucker) und Stringers Milk Punch (Rhum, Talisker Whisky, Zitrone, Kokosmilch, Rauch). Der Cherry’s Darling überrascht positiv: Anders als erwartet ist er kein Frucht-Tiger mit Umdrehungen, sondern ein fein abgestimmtes Konstrukt aus Säure, Süße und herben Noten. Sogar eine Mitmachkomponente gibt es: “Der Balsamico löst sich nicht sofort im Drink.” erklärt uns der Barkeeper. “Je nachdem wie stark du ihn umrührst,” das Holzstäbchen gleitet ins Glas, “ist er intensiver. Wenn du gar nicht umrührst, ist er im Wesentlichen Deko.”

Stringers Milk Punch und Cherry's Darling - Cocktails aus dem Marple and Stringers in Regensburg.
Stringers Milk Punch und Cherry’s Darling – Cocktails aus dem Marple and Stringers in Regensburg.

Noch spannender ist dann wohl nur der Stringers Milk Punch: Die Kombi aus Rhum agricole (Rum aus Zuckerrohrsaft statt Melasse, ist herber aber auch fruchtiger) und rauchigem Talisker-Whisky mit Kokosmilch ist eh verrückt genug, wird aber durch den Rauch nochmal ein gutes Stück abgefahrener. Der Cocktail ist mild-rauchig, aber vollmundig und anders – die Kombi ist neu, macht Spaß und schmeckt ein bisschen nach “in Schottland einen Film über die Karibik gucken” mit Milch.

Was stört uns, was lieben wir, was kostet das?

Jeder Cocktail im Marple & Stringer kostet exakt 8 Euro. Das ist für Drinks mit so vielen selbstgemachten Zutaten und mit so vielen eigenen Ideen absurd günstig – aber wohl der studentischen Klientel geschuldet. Für die möchte man die Cocktail-Karte in den nächsten Wochen auch noch erweitern. Zu den abgefahrenen Kreationen sollen dann noch “normalere” Cocktails dazukommen. Auch der Tequila im Orizaba ist wohl Teil dieses Konzepts – später entdecken wir, dass er in der neuen Karte auch so drinsteht. Nachdem einige Leute wohl gefragt haben, was Mezcal überhaupt ist.

Ein bisschen “mehr” schadet tatsächlich nicht. Finden wir gut. Aber bitte, liebes Marple & Stringer: Bleibt in Sachen Cocktails auf der Marple-Seite des Lebens – frech und unkonventionell, ein bisschen chaotisch – und macht uns nicht den braven Mr. Stringer, nur weil ein paar Leute lieber Caipis aus Pappbechern trinken als einen hammergeilen Red Snapper.

Johann

Cocktailbarts Archmage of Content bei Nacht, stolzer Familienvater / Texter / Konzepter / Kreativarbeiter bei Tag.

Ein Kommentar

Klicke hier um einen Kommentar hinzuzufügen

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu.

  • Sehr informativ geschriebener Artikel und schöne Bilder! Ich wohne ebenfalls seit einigen Jahren in Regensburg, aber kannte noch nicht alle aufgelisteten Etablissements. Diese kann ich nun, dank des Beitrags, mit meinen Freunden abarbeiten. Mal schauen ob eine Bar an unseren bisherigen Favoriten, das Storstad, herankommt.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Christian