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Cachaça Magnífica Tradicional: Cachaça artesanal aus Rio de Janeiro

Cachaça Magnífica Tradicional in einer Batida de Maracuja mit frischer Maracuja.
Cachaça Magnífica Tradicional in einer Batida de Maracuja mit frischer Maracuja.

Auch 17 Jahre nach dem Ende der 90er-Jahre muss man einen Artikel über Cachaça leider fast zwangsläufig damit einleiten, dass die brasilianische Spirituose aus Zuckerrohrsaft hierzulande ein schreckliches Schattendasein fristet: „Das ist doch der komische Rum, der in den Caipi kommt!“ – und zwar meist in nicht besonders berauschenden Qualitäten. Cachaça Magnífica Tradicional kann auch in die Caipirinha, da macht er sich sogar hervorragend. Aber der handwerklich hergestellte Zuckerrohrschnaps kann geschmacklich dann doch noch mal ein wenig mehr.

Die Flasche für dieses Tasting wurde uns vom deutschen Vertrieb auf unsere Anfrage zur Verfügung gestellt, Bedingungen an den Artikel gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  

Cachaça Magnífica Tradicional: Wo kommt er her und wie kommt er zu uns?

Cachaça Magnífica gibt es in vier Varianten – Safra do Ano (ungereift), Tradicional (mindestens zwei Jahre gereift), Envelhecida (zwei bis sechs Jahre gereift) und Reserva Soleira (bis zu 14 Jahre Lagerung im Solera-Verfahren). Sie alle stammen aus dem Hochland von Rio de Janeiro und werden von João Luiz Coutinho de Faria gebrannt. Der entschied sich Mitte der 80er Cachaça mit möglichst hohen Qualitätsstandards herzustellen: auf seiner Farm Fazenda do Anil sollte vom Anbau des Zuckerrohrs über die Destillation bis zur Abfüllung jeder Schritt der Produktion in seiner Hand bleiben. 1997 wurde aus dem Projekt die Marke Magnífica.

Weil er dabei auf Handarbeit setzt, in Kupferbrennblasen (Pot Stills) brennt und sogar vollkommen auf Zusätze verzichtet (kein Zucker, kein Zuckercoleur zur Färbung, keine Fermentationsbeschleuniger) handelt es sich bei Magnífica-Spirituosen um sogenannten Cachaça artesanal, der generell ein reicheres Aromenprofil hat als die hierzulande deutlich gängigeren industriellen Varianten. Dass das nicht draufsteht, hat einen rechtlichen Grund: weil es keine gesetzlichen Standards für die Herstellung von Artesanal-Cachaças in Brasilien gibt, ist es verboten, die Bezeichnung offiziell auf’s Etikett zu drucken.

Cachaça Magnífica Tradicional in einer klassischen Caipirinha.
Cachaça Magnífica Tradicional in einer klassischen Caipirinha.

Warum ihr dann eine Flasche mit „Cachaça artesanal“ im Schrank habt, fragt ihr? Da gibt es zwei Möglichkeiten. Möglichkeit 1: Die Spirituose wurde für den Verkauf in Europa umgelabelt. Das ist deshalb möglich, weil der Schnaps laut EU-Spirituosenverordnung gar keine eigene Kategorie ist. Er gilt als „Brasilianische Spirituose“: Variante 2: Ihr habt eine Flasche direkt in Brasilien gekauft oder euch mitbringen lassen, von einem der vielen Brasilianer, die den Cachaça im Hinterhof oder im Wald brennen, mal mehr, mal weniger legal. Entsprechend kommt hier auch mal ein „artesanal“ auf’s Etikett. Weil die Perola GmbH, deutsche Importeur von Magnífica, ihn auch hierzulande mit dem Original-Etikett verkauft, heißt der Schnaps, um den es heute geht, aber eben auch hierzulande Magnífica Tradicional. Aber schmeckt man ihm das ganze Handwerk nun an?

Wie schmeckt der Magnífica Tradicional?

Im Glas scheint er hell und fast klar – die zwei Jahre Lagerung sieht man ihm dank fehlender Färbung kaum an. Philipp Reim von Eye for spirits führt das auf das Ipê-Holz der Lager-Fässer zurück, das als eines der härtesten Hölzer der Welt gilt und eher wenige Aromen abgibt. Der Cachaça wirkt weich und leicht, zieht aber klar sichtbare Schlieren im Glas. So unscheinbar wie er sich optisch gibt, so opulent ist er in der Nase: Tropische Früchte, allen voran Bananen zeigen sich sofort, werden aber von sehr untypischen, würzigen Noten flankiert: Harz, mehr Zuckerrübe als Zuckerrohr und Malz, gefolgt von Heu und frischem Gras. Nach ein paar Minuten Ruhezeit riechen wir aus den Früchten noch ein wenig Kirsche heraus. .

Nase: Banane, Harz, Malz, Zuckerrübe, Heu, frisches Gras, Kirschen

Zunge: Banane, Aprikosen, Zuckerrohr, Heu, Weißwein, vergorene Früchte

Im Mund kommt er süß und fruchtig an, mit Bananen und Aprikosen. Die eher würzigen Noten halten sich noch für einen Moment zurück, übernehmen aber kurz darauf: eine sanfte Bitternote und ein leichtes Pfefferbrennen begleiten angenehm herb-süßes Zuckerrohr, gehen über in Heu und wieder zurück in die eher fruchtigen Noten. Im Abgang ist er mild und hat einen leichten Anklang von Weißwein, was im Mund bleibt, sind Zuckerrohr und vergorene Früchte.

Der Magnífica Tradicional in Cocktails

Wer bisher nur industriell hergestellte Cachaças probiert hat – und auch davon gibt es ein paar durchaus trinkbare – wird sich mit dem Magnífica Tradicional eventuell schwer tun. Die würzig-herbe Note reißt einen zunächst etwas aus der Komfortzone. Genau das macht aber den Spaß aus: Eine Caipirinha mit diesem Cachaça artesanal schmeckt noch immer nach Caipirinha, nach Limetten und Zucker und Lebensfreude – ist aber gleichzeitig tiefer und breiter, spannender. Erwachsener. Das ist jetzt zugegeben nichts, was auf der nächsten WG-Party super ankommt – für jemanden, der sich gerade 700 Wörter über eine Flasche Cachaça durchgelesen hat, ist das aber wahrscheinlich auch nicht das Haupt-Kriterium.

Cachaça Magnífica Tradicional in einer Batida de Manga mit Mango.
Cachaça Magnífica Tradicional in einer Batida de Manga mit Mango.

Gerade diese Würzigkeit, diese erdig-herbe Zuckerrohr-Note ist es dann auch, die den Magnífica Tradicional zu einem wunderbaren Tanzpartner für alle Sorten von Früchten in Batidas macht. Die gelten gemeinhin zwar als brasilianische Tikis – Crushed Ice, eventuell Sahne, Zucker, Schnaps, mixen, fertig – sind aber genau wie die Rum-Kanonen deutlich besser als ihr Ruf. Wir testen den Cachaça im Batida de manga mit Mango, in der er es schafft, die Süße abzufedern und aus Fruchtpampe einen echten, ziemlich leckeren Cocktail zu machen. In der Batida de maracuja mit ein wenig Sahne funktioniert das sogar noch ein wenig besser: Die ergibt einen irre cremigen, spannenden Drink, der in uns auslöst, dass wir genau jetzt am Strand grillen wollen. Schön.

Bei ein paar Cold Drip-Versuchen mit Hibiscus und Del Meguey Vida Mezcal entdecken wir außerdem über Umwege eine Sour-Variante, die wir nach einem rosa Kaktus benennen möchten. Weil wiraber nach kurzer Recherche feststellen, dass der „Arrojadoa“-Kaktus aus Brasilien stammt, versuchen wir einen ganz ähnlichen Drink eben mit Magnífica Tradicional. Was herauskommt, finden wir so dermaßen toll, dass wir es demnächst in einem eigenen Artikel verewigen. Bis dahin:

40 Prozent oder 45 Prozent?

Den Cachaça Magnífica Tradicional gibt es in einer Version mit 40 und einer mit 45 Prozent, letzteres entspricht der Fassstärke und das ist auch die, die wir hier verkostet haben. Weil Alkohol in Spirituosen immer auch Geschmacksträger ist, gilt die Version mit 45 Prozent als intensiver und charismatischer. Die 40prozentige dagegen ist entsprechend milder. Weil das leichte Pfefferbrennen des 45prozentigen allerdings schon beim zweiten Schluck deutlich nachgelassen hat und der Cachaça ohnehin eher als Mix-Spirituose gedacht ist, bevorzugen wir die intensivere und stärke Variante. Mittelfristig wird der 40prozentige Tradicional darüberhinaus eingestellt – seinen Platz nimmt der ungereifte Safro do Ano ein.

Cachaça Magnífica Tradicional direkt im Perola-Shop bestellen!

Fazit: Ein echter Cachaça artesanal mit einem derart intensiven und besonderen Aroma zu einem – für ein handwerklich hergestelltes Produkt – absolut fairen Preis: Wer sich den Caipi da noch mit der 10-Euro-Flasche aus dem Supermarkt mixt, will es wahrscheinlich nicht anders.

Daten: Brasilien, 45 Prozent, 0,7 Liter, um 20 Euro,

Der Autor dieser Zeilen arbeitet ab April 2017 hauptberuflich für die Perola GmbH, den deutschen Importeur des Cachaça Magnífica Tradicional. Trotzdem entstand dieser Artikel nach bestem Wissen und Gewissen: Weder Vorgesetzte noch Kollegen haben Einfluss auf mich genommen, der Artikel wurde vor der Veröffentlichung niemanden zur Überprüfung vorgelegt. Cocktailbart.de ist zudem von der üblichen Nebentätigkeits-Klausel in meinem Vertrag ausgenommen. Sprich: Dieser Artikel entsteht so unabhängig wie es unter den Umständen möglich ist. Auch beim Tasting selbst war ich so objektiv wie sonst auch. Natürlich schwingt bei einem Produkt, an dessen Vertrieb man bald selbst beteiligt ist, ein wenig Stolz mit – solltet ihr also das Gefühl haben, ich hätte Details über den Cachaça Magnífica Tradicional vergessen oder ignoriert, die ihn in ein anderes Licht rücken: Meldet euch in den Kommentaren und wir reden darüber!

Die Flasche für diesen Tasting-Artikel wurde uns von der Perola GmbH freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

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JohannTrasch

5 Kommentare

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  • Vielen danken für euren Artikel, Herr Trasch. Wir würden uns freuden ihnen unseren Fazenda zu zeigen, wenn Sie einmal na Brazilien kommen.
    Ich habe der link für die Artikel in unser Facebook site verteilt.
    Bis bald, Ich hoffe,
    Raul de Faria (João Luiz’s Sohn)

    • Hallo Herr de Faria,

      freut mich, wenn Ihnen der Artikel gefällt und vielen Dank für’s teilen! 🙂 Bis ich mal nach Brasilien komme, wird es zwar noch etwas dauern, aber wenn es soweit ist, nehme ich das Angebot für die Fazenda-Besichtigung sehr, sehr gerne an!

      Liebe Grüße
      Johann

  • Also, als begeisterter Leser eures Blogs weiß ich an der Stelle nicht ob ich euch danken oder euch verdammen soll.

    Danken weil: man als jemand, der erfahren hat, was für unglaubliche Aromen im Cachaca stecken und welche Vielfalt an Brennereien es gibt, von einem Sendungsbewusstsein in Richtung seiner Landsleute erfasst wird, die endlich mal wachzurütteln und ihnen ein für alle mal zu verklickern, dass das Reinigungsbenzin was im Canario oder Pitu drin ist nix mit Cachaca zu tun hat.

    Verdammen weil: ich Angst habe, dass durch zuviele Artikel dieser Art Cachaca der nächste Hype wird und dann aus diesem wunderbar traditionellen Gesöff mit einer wahnsinns Vielfalt an Brennereien und Aromen wieder so ein Conaisseur-Schwachsinn wird, der nur die Preise in die Höhe treibt.

    Im Moment kann man in Brasilien noch für kleines Geld wunderbare Cachacas aus kleinen Brennereien bekommen und es wird kein großes Gewese um den Schnaps gemacht; das würde mir richtig weh tun wenn sich das in Richtung Scotch entwickelt und die Dinger dann bei Heinemann im Duty-Free als „Sherry Cask Special Edition“ stehen. Aber vielleicht ist das auch einfach Eifersucht und Egoismus.

    Die Einladung zur Fazenda würde ich aber unbedingt wahrnehmen!

    • Servus Gerd,

      ich kann dich zumindest ein bisschen beruhigen: Cachaca ist auf der Hypeliste noch ziemlich weit unten, wenn man sich so die Absatzzahlen bei den gängigen Marken anschaut. Mittelfristig ziehen zwar sicher noch die Preise an und es werden mehr Superpremium-Marken mit High-End-Bar-Fokus auf den Markt schwappen (die teils auch sehr, sehr gut sind), aber bevor Cachaca da explodiert, stünden da noch Agavenbrände oder Pisco in der Pipeline und schon bei denen wirds wohl noch etwas dauern.

      Zudem hat der Cachaca einen Vorteil, den er sich mit dem sehr ähnlichen Rhum Agricole oder auch einem haitianischen Clairin teilt: Wenn das Zeug gut gemacht ist, ist es für den Durchschnitts-Genießer oft schon wieder zu speziell, zu kräftig, zu aufregend. Das macht es schwierig, in die Breite Masse zu gehen. Aber wie du’s sagst: So oder so ist es mit der Cachacapopularität Segen und Fluch 🙂

      LG
      Johann