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Rum Artesanal pur: WIRD Barbados 2000, Jamaica Hampden 1990 & Guyana Enmore 1985

Die Oktober-Abfüllungen von Rum Artesanal 2021.
Die Oktober-Abfüllungen von Rum Artesanal 2021.

Pur-Verkostungen machen wir hier auf Cocktailbart eher selten. Nicht, weil wir nie pure Spirituosen genießen würden, nur eben nicht so versiert wie einige Blogger-Kollegen, deren Gaumen etwas geschulter und deren Einschätzungen oft auch hilfreicher sind als unsere. Helmut von schlimmerdurst oder gerade in Sachen Rum Florian von Barrel Aged Thougts sind hier fantastische Anlaufstellen, für jeden von euch, dem es bei einem Spirit vor allem um die Tauglichkeit zum Purgenuss geht oder fein nuancierte Unterschiede unterschiedlicher Batches, Marks und Jahrgänge (was freilich nicht heißen soll, dass die beiden nicht auch superspannende Cocktail-Insights bieten würden).

Wenn uns dann aber jetzt das geschätzte Team von Rum Artesanal ganz unerwartet Tasting-Samples der Oktober-Abfüllungen zukommen lässt, dann verlieren wir da freilich doch gerne das eine oder andere Wort darüber. Denn wenn die Einzelfass-Experten aus dem Norden Einzelfässer von derart legendären Destillen abfüllen, aus den herausragenden Rum-Ländern Jamaica, Barbados und Guyana, deren Inhalt dann auch noch teils fast so alt ist wie ich, dann gerät man zugegeben doch ein wenig ins Schwärmen:

Rum Artesanal Barbados West Indies Rum Distillery Rockley Style 2000
Rum Artesanal Barbados West Indies Rum Distillery Rockley Style 2000

Rum Artesanal Barbados West Indies Rum Distillery Rockley Style 2000

Die jüngste Abfüllung der drei hier vorgestellten stammt von der Insel Barbados aus der West Indies Rum Distillery, kurz WIRD. Freilich: das Ding ist trotzdem stolze 21 Jahre alt und damit weit weg von jung. Die Besonderheit ab vom Alter ist aber der sogenannte “Rockley Style” – ein sehr spezieller, selten eingesetzter Stil der Destille, den wir vorher zugegeben gar nicht kannten. Hier hilft aber Kollege Christoph von zuckerundzeste.de ausführlich weiter: “Der Rum gilt als stark esterhaltig mit einer dreckigen, rauchigen und medizinischen Aromatik die auch entfernt an Caroni erinnert. dazu eine sehr kräftige Honignote.” Gekauft. Probiert:

Der Rum schwenkt sich leichtfüßig und schimmert in einem schönen, unverfälschten Gold-Ton im Glas. In der Nase ist er tatsächlich estriger und wilder als von einem Barbados-Rum erwartet, mit Noten von überreifen Früchten, vor allem Aprikosen und etwas Erdig-mineralischem. Auf der Zunge ist er für seine 47,1 Prozent unerwartet wuchtig, leicht bitter (aber auf angenehme Art und Weise), mit metallischen Anklängen, aber auch wieder mit vollen Früchten und einem wilden Abgang aus Champignons, Asche und hopfigen Zitrusnoten. Ein bisschen weird, aber wunderschön.

Rum Artesanal Jamaica Hampden 1990
Rum Artesanal Jamaica Hampden 1990

 

Rum Artesanal Jamaica Hampden 1990

31 Jahre ruhte dieser Jamaikaner im Fass und verspricht angesichts seiner Herkunft Großes. Hampden gilt gemeinhin als der ultimative Sehnsuchtsort aller Ester-Jünger für die die Worte “Vergammelte Ananas”, “Uhu-Kleber” und “Olivenlake” nach einem buchstäblich feuchten Traum klingen. Ums vorweg zu sagen: die kommen hier voll auf ihre Kosten.

Für die lange Ruhezeit erscheint der Rum Artesanal Jamaica Hampden 1990 sehr hell und strohgelb, was freilich daran liegt, dass RA seinen Rum grundsätzlich nicht färbt. Dass es das nicht braucht, rufen die dicken Nasen, die der Rum beim Schwenken am Glasrand hinterlässt, seinen 57,8 Prozent mehr als würdig, und das schreit dieser intensive Duft von überreifer Ananas, tiefschwarzer Banane, Klebstoff und Liebe. Am Gaumen dann erstmal nur so: Boah, fuck. Oliven, Bitternoten, Bockshornklee, Kies und nasser, alter Baum. All das bleibt minutenlang als Potpourri aus Frucht und warmer, feuchter Erde im Mund zurück. Wahnsinnszeug.

Rum Artesanal Guyana Enmore 1985
Rum Artesanal Guyana Enmore 1985

Rum Artesanal Guyana Enmore 1985

Das Suffix hinter vielen Guyana-Rums steht oftmals für die verwendete Destillier-Anlage. Von den einst sehr vielen Destillerien des Landes existieren heute nämlich nur noch die Diamond Distillery der Demerara Distillers Limited, aus der etwa auch der weltbekannte El Dorado Rum stammt. Die hat jedoch viele der sagenumwobenen Destillier-Apparate der verlorenen Destillerien eingesammelt und betreibt heute auch noch die Single Wooden Still, die von der geschlossenen Versailles Distillery zur Enmore Distillery wanderte, die dann wiederum 1994 ihre Pforten schloss. Neun Jahre vor ihrem Ende brannte die aber noch diesen Rum Artesanal Guyana Enmore, der gerade mal zwei Jahre älter ist als der Autor dieser Zeilen. Aber ums vorweg zu sagen: er schmeckt deutlich besser als ich.

Mit der Farbe von dunklem Bernstein liegt dieser Demerara Rum im Glas und duftet erstaunlich. Zum einen erstaunlich mild für 54,3 Prozent, zum anderen erstaunlich kräutrig und mineralisch für einen Rum. Kamille, Kalk, Graphit, Menthol und ein Hauch milder Kirsche ergeben ein tolles, aber im ersten Moment schwer greifbares Aromenbild, das sich am Gaumen lustigerweise kaum widerspiegelt. Hier zeigen sich Schabzigerklee, Lehm, dunkle Schokolade, ein paar Walnüsse und Eichennoten. Erst im Nachklang taucht dann wieder mit großem Tamtam der Graphit auf.

Fazit

Diese Single Cask-Abfüllungen sind extrem besonders, extrem limitiert (gibt ja jeweils nur ein Fass), steinalt und stammen aus absoluten Hype-Destillen. Mit knapp unter 100 Euro für den Barbados Rum seid ihr da noch günstig dabei, der Jamaica Hampden mit knapp 300 und der Guyana Enmore mit etwa 500 Euro reißen dagegen gewaltige Löcher in den Geldbeutel. Das muss es einem freilich wert sein – aber weil wir hier zu nix kommen und irre spät dran sind, sind die Buddeln eh schon nur noch zu absoluten Mondpreisen aufzutreiben.

Warum wir trotzdem darüber berichten? Nun, zum einen, um zu zeigen, welche außergewöhnliche Single Cask-Qualität Rum Artesanal da rausstellt und zwar regelmäßig. Und zum anderen weil gerade der Guyana Enmore ein Stück Rum-Zeitgeschichte ist. Ein Destillat, das seiner eigenen Legende mehr als gerecht wird. Wir jedenfalls werden den kleinen Sample-Rest in unserem Fläschchen für einen ganz besonderen Moment aufheben. Und falls ihr mal die Gelegenheit habt, einen Tropfen davon zu probieren: Greift zum Glas.

Zuletzt überarbeitet am

Johann

Cocktailbarts Archmage of Content bei Nacht, Familienvater & Texter bei Tag. Lieblings-Drink Martini, Lieblings-Spirituose trotzdem Rum. Wohnt in Franken, kommt aus der Oberpfalz (ist beides in Bayern, tschuldigung). Typischer Satz: "Meinste das wär geiler, wenn man Olivenlake reintut?"

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