Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin und die Gin Paloma

Der Whitley Neill Rhubarb & Ginger in einem London Leaves Cocktail.
Der Whitley Neill Rhubarb & Ginger in einem London Leaves Cocktail.

Gelegentlich muss man sich in unserem Metier – dem des Homebar-Enthusiasten, der eifrig seine Erfahrungen und Eindrücke zu virtuellem Papier bringt – die Frage stellen, warum man das hier macht und für wen. Dem geneigten Leser ist dabei sicherlich schon aufgefallen, dass wir hier keinerlei Spirituose in der Luft zerfetzen. Wenn uns was nicht gefällt, sagen wir’s euch gerne offen via Kommentar/Posting/Auge in Auge, aber dass wir uns hier 1000 Wörter lang das Maul zerreißen und in 3 bis 10 Cocktails ausmixen, in wie vielen Farben uns ein Stoff nicht schmeckt – dazu ist uns unsere Zeit zu schaden.

Die Flasche für dieses Tasting wurden uns für redaktionelle Zwecke zur Verfügung gestellt, Bedingungen gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.

Heißt ergo im Umkehrschluss: Wenn wir hier diesen Artikel schreiben, dann finden wir auch was an diesem Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin – an dieser süßlichen Rhabarber-Spirituose, die zwar Wacholder in sich trägt, aber bei der nach dem ersten Schnuppern, spätestens jedoch dem ersten Schluck klar ist: Gin steht hier zwar drauf, ist aber geschmacklich sicher nicht drin. Das macht die Nummer zu einem zweischneidigen Schwert; denn einerseits möchten wir diesen Wolf im Wacholderpelz ungern unbehelligt in die Herde eingliedern, andererseits hatten wir mit diesem Lupus Rhabarberinsis halt doch eine ganz ansehnliche Gaudi.

Wie wir zum Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin kommen

Ohne Zutun von außen hätten wir den Whitley Neill in der knall-lila Flasche wohl nie näher begutachtet. Dass wir’s doch taten, ist die Schuld von Joerg Meyer, der uns nebst diversen anderen deutschen Gin-Fans auf Instagram anschrieb und um eine Meinung zum Produkt bat, um die Tauglichkeit für den deutschen Markt abzuklopfen. Freilich – der Mann ist Marketing- und Social Media-erfahren -, schwingt da die Hoffnung auf das eine oder andere Posting respektive Artikelchen mit. Und ja: Uns Amateure um unsere Einschätzung zu bitten, ist durchaus einer der galantesten Wege dorthin.

Jedenfalls: Statt uns den Rhabarber-Gin als das nächste große Ding zu verkaufen, erklärt uns der Herr Meyer, dass der Gin sehr wohl auch außerhalb seines eigenen Beuteschemas liege, aber dank rasanter Verkäufen in seiner britischen Heimat durchaus wirtschaftliche Relevanz habe und abseits von Gin Tonic und Martini durchaus in eher speziellen Drinks wie einem Le Gurk zu begeistern wisse. Man müsse da nur unvoreingenommen herangehen. Haben wir dann auch gemacht – wohl aber mit Bauchgrummeln.

Der Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin in einem Le Gurk..
Der Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin in einem Le Gurk..

Die Hintergründe zum Gin

Der Whitley Neill Gin London Dry Gin ist den meisten Gin-Fans durchaus bekannt. Schwarze Flasche, roter Baum, ein London Dry Gin der dank Physalis und Baobab-Frucht als Botanicals afrikanische Einflüsse trägt. Ein richtig fetter Hype entstand um die Marke seit ihrer Entstehung 2005 allerdings weder hierzulande noch in ihrer britischen Heimat. Und doch schoß Whitley Neill 2018 durch die Decke: Aus dem Nichts holte man Platz 43 unter den wichtigsten Alkohol-Marken in Großbritannien, Platz 2 in Sachen Gin, der Wert des Unternehmens wurde verdreifacht. Schuld daran zu großen Teilen: der Rhubarb & Ginger, dessen Umsatz allein für die Hälfte des Wachstums verantwortlich ist. Aber auch die anderen Flavoured Gins des Unternehmens, wie der Protea & Hibiscus, treiben den Wert nach oben.

Moment, Flavoured Gins? Jip, zu dieser nicht ganz so genau definierten Kategorie zählt dieses Produkt. Gins, die nach allem schmecken, außer Wacholder und an denen dafür auch nach der Destillation noch herumgebastelt wird. Ganz ähnliche Fälle hatten wir zuletzt schon, und abgesehen vom Einsatz von Farbe (den es hier nicht gibt) waren wir da durchaus angetan. Im Fall des Rhubarb & Ginger sieht das so aus, dass als Basis der normale Whitley Neill London Dry Gin (allerdings ohne Baobab oder Physalis) zur Hand genommen wird, um ihn dann mit Kartoffelbrand, einem Rhabarbergeist und einem Ingwer-Mazerat zu vermählen. Anschließend kommen noch Zucker, Zitronensäure und Rhabarber-Essenz dazu, bevor auf 43% verdünnt wird.

Dem Fan großer London-Dry-Gin-einmal-destilliert-und-gut-ist’s-Handwerkskunst zieht es angesichts dessen wahrscheinlich die Schuhe aus und auch wir bekommen angesichts dieses Herstellungs-Prozesses das zwei Absätze weiter oben erwähnte Bauchgrummeln. Jedoch gilt auch da der Cocktailbart-Zusatz: “Ja, mei. Wenn’s kacke is, mach’mer halt nix dazu.” Haben wir dann aber – trotz einer eher gemischtgefühligen Pur-Verkostung.

Der Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin in Kombi mit der Kernstein Siegerrebe - Craft trifft Flavoured.
Der Gin in Kombi mit der Kernstein Siegerrebe – Craft trifft Flavoured.

So schmeckt der Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin

Die Nase ist vom ersten Schnuppern her gar nicht mal so sehr weitab von “normalem” Gin, weit entfernt ließe sich Wacholder sogar ein wenig erahnen. Aber schon nach wenigen Sekunden überwiegen die kräftig-süßlichen Eindrücke diesen Anflug. Erdbeer-Sahnebonbons, Rhabarber, Ingwer, ein wenig Minze und Orange sind da, zusammen mit etwas, das weit entfernt an Waldmeister erinnert. In der Gesamtkomposition hat das alles etwas merklich Künstliches.

Nase: Erdbeer-Sahnebonbon, Rhabarber, Ingwer, Minze, Orange, Waldmeister

Mund: Erdbeer-Sahnebonbon, Wacholder, Zitrone, Rhabarber, Ingwer

In der Verkostung fällt als erste die immense Süße auf. Das, in Kombination mit den primären Geschmackseindrücken irgendwo zwischen Kaugummi und wieder Erdbeer-Sahnebonbon, lassen uns die ersten zwei Sekunden irritiert zurück. Auf dem Weg zum Gaumen zeigen sich aber auch durchaus bittere Noten, ein Anflug von Wacholder und Zitrone, sehr eindeutig der Rhabarber. Im Abgang klar der Ingwer und dazu ein sanftes, angenehmes Brennen auf Lippen und Zunge, als hätte man Ginger Beer getrunken.

Dieser ganz spezielle Gin in Cocktails

So, nach der Verkostung stellt sich jetzt natürlich die Frage: Wenn unsere ersten Eindrücke gar so wenig Begeisterung zeigen, warum machen wir dann einen Artikel zu diesem Produkt, das wir normalerweise gar nicht angefasst hätten? Naja, wenn wir ganz ehrlich sind: Für SEO die Googleplatzierung abfrühstücken, bevor dieser Gin auch in Deutschland durch die Decke geht, das war durchaus ein Anreiz. Da wir das aber bei aller Gier nach Reichweite grundsätzlich nicht zum Selbstzweck machen, waren wir irre froh, als uns des Herrn Meyer’s Cocktail-Empfehlung zum Rhabarber-Gin auch wirklich ganz formidabel geschmeckt hat. Sein Tipp: ein Le Gurk mit etwas wenig Zucker. Es mag absurd klingen, aber die Kombo aus Gurke, Apfelsaft, Holunder und eben Rhababer-Ingwer, die geht gut ab.

Spätestens nach einem Ausflug in die Schumann’s Bar zu München wissen wir allerdings: der nahe Verwandte des Le Gurk, der London Leaves mundet uns noch einen Tick besser als die Gurkensuppe – und genauso ist es auch hier: Gurke nur als Deko, dafür dick Minze – das gefällt uns noch einen Tacken besser. Vorausgesetzt, man reduziert auch hier wieder den Zucker. Weil uns ansonsten aber Ansatzpunkte fehlen, eskalieren wir auch selbst am Cocktail-Reißbrett. Dabei entdecken wir neben einer eher lustigen Skurrilität auch drei Drinks, die wir so jederzeit selbst ordern und/oder – viel wichtiger – unseren Mamas servieren würden und die, das ist der Knackpunkt, in genau der Form mit keiner anderen uns bekannten Spirituose so funktionieren würden.

Colgan Martini (Nach dem Erfinder des Kaugummis mit Geschmack – schmeckt nach Kaugummi pur)

  • 6 cl Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin
  • 1 BL Pastis
  • 1 BL Supasawa
  • 2 Dashes Cucumber Bitters
  • 2 Dashes Rubinette Apple Lemon Thyme

Alle Zutaten zusammen auf Eis rühren, in eine geeiste Coupette abseihen, trinken.

Der Dirtball mit Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin und Italicus, nach Art eines Dirty Martini.
Der Dirtball mit Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin und Italicus1, nach Art eines Dirty Martini.

Dirtball (für Fans des Dirty Martini)

  • 3 cl Rhabarber-Ingwer-Gin
  • 3 cl Italicus1
  • 1 BL Olivenlake
  • Soda

Alle Zutaten zusammen in ein Highballglas auf Eis gießen, kurz umrühren, nach Gusto mit Oliven garnieren. Trinken.

Gin Paloma (salzig-fruchtig)

  • 5 cl Whitley Neill Rhubarb & Ginger Gin
  • 3 cl Three Cents Grapefruit Lemonade
  • 1 cl Limette
  • 1 Prise Salz

Alle Zutaten zusammen in ein Highballglas mit Salz-Rim auf Eis eingießen, kurz umrühren. Trinken.

Industrial Craft (Der “Darf der das?”-Drink – irre komplex)

Alle Zutaten zusammen auf Eis rühren, in eine geeiste Coupette abseihen, trinken.

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(Mit einem * markierte Links sind Affiliate-Links aus dem Amazon-Partnerprogramm. Benutzt ihr diese für euren Einkauf, erhalten wir dafür eine kleine Provision.)

Fazit: Klar: Mit Gin hat das eher wenig zu tun. Und in der Purverkostung waren wir zugegeben auch mehr irritiert als begeistert. Aber schüttet man das Ding in den passenden Drink und tariert seine Süße ordentlich aus, bereichert dieser Gin die Hausbar ungemein. Und sei es nur um guten Gesprächsstoff.

Daten: 43 Prozent, um 27 Euro für 0,7 Liter, England

Die Flasche, die hier zum Einsatz kam, wurde uns für redaktionelle Zwecke zur Verfügung gestellt, dabei wurde aber weder auf eventuelle Artikel noch auf das Tasting Einfluss genommen. Wir danken für die ausnehmend freundliche und partnerschaftliche Zusammenarbeit. 

 

Bei den markierten Produkten handelt es sich um Spirituosen, an deren Vertrieb Johann in seinem Dayjob beteiligt ist. Er bekommt keine Provision für ihre Erwähnung und sein Arbeitgeber hat keinen Einfluss darauf, wann und in welcher Weise er auf Cocktailbart Produkte des Unternehmens erwähnt. 

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Johann

Cocktailbarts Archmage of Content bei Nacht, Familienvater & Texter bei Tag. Lieblings-Drink Martini, Lieblings-Spirituose trotzdem Rum. Wohnt in Franken, kommt aus der Oberpfalz (ist beides in Bayern, tschuldigung). Typischer Satz: "Meinste das wär geiler, wenn man Olivenlake reintut?"

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