Hoos London Gin: das Ein-Mann-Destillat

Hoos London Gin im Gin Gin Mule Cocktail.
Hoos London Gin im Gin Gin Mule Cocktail.

Gin brennen, das ist wie ein Buch zu schreiben: Bücher gibt’s da draußen schon Tausende, wahrscheinlich Millionen. Gins auch. Die Worte, die man tippt, haben andere vorher schon bis zur Erschöpfung in andere Bücher, Artikel und Spickzettel geschrieben. Die Botanicals für den eigenen haben andere auch schon benutzt. Der Umschlag, den dasBuch haben wird, wird sehr wahrscheinlich aussehen wie irgendein Umschlag irgendeines anderen Buches – und die Flasche des eigenen Gins ist am Ende auch nur ein hohles Glasgefäß voll Flüssigkeit. Trotzdem schreiben Menschen Bücher, weil sie nochmal irgendwas ganz anders machen wollen, als alle anderen Menschen davor. Trotzdem brennt Heiko Hoos einen London Dry Gin, von dem’s schon Tausende gibt, aus ganz klassischen Botanicals, die Hunderte andere Brenner vor ihm benutzt haben. Zum Glück für uns.

Die Flasche für dieses Tasting wurde uns vom Hersteller auf unsere Anfrage zur Verfügung gestellt, Bedingungen an den Artikel gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  

Die Story hinter Hoos London Gin

Kein Scheiß jetzt: Hoos London Gin ist eine One-Man-Show: Heiko Hoos brennt den Gin selbst, vertreibt ausschließlich selbst und kümmert sich auch um Marketing und Vertrieb. Zum einen wahrscheinlich, weil er gerne sein eigenes Ding macht – zum anderen aber, um Zusatzkosten zu vermeiden: der Hoos London Gin kostet in der 0,5-Liter-Flasche gerade einmal zwischen 25 und 30 Euro – andere Gins dieser Qualitätsstufe, vor allem solche, die in Handarbeit hergestellt werden, kostet sonst um die 35, der Trend geht auch 2019 eher nach oben.

Hoos bekommt pro Brennvorgang 150 Flaschen aus seiner Kupferbrennblase, beschriftet die Batch-Marken selbst und per Hand. Auch beim Flaschendesign bleibt alles schick, aber simpel: Auf der Flasche prangt das Hoos London Gin-Logo, die wichtigen Daten, Ende. Die Flasche ziert kein teurer Glaskorken, sondern ein Schraubverschluss. Und statt für die diversen Zusatz-Sorten den fassgelagerten Reserve Gin oder den Pink Grapefruit Gin eigene Flaschendesigns zu entwerfen, übernimmt er, was er schon hat – ergänzt um ein kleines Zusatz-Label am Flaschenhals.

Es geht um den Geschmack bei diesem Gin: davon soll der Genießer, der die Flasche kauft, am Ende möglichst viel haben. Ohne Zusatzkosten für Marketing, Design, Webseite oder sonstwas mitzutragen. Dafür greift Hoos auf Botanicals wie Kamille, Kardamom, Koriander, Majoran, Fenchel und Majoran zurück, 15 sind es an der Zahl. Darunter nichts zu abgefahrenes, nichts, dass heraussticht, nichts von dem man sagen kann: Das ist der Gin mit Botanical X. Die Botschaft bleibt auch hier 100 Prozent Geschmack, 0 Prozent Chichi. Ein Ansatz, den so manche moderne Spirituose gerne mal umdreht. Nur schmecken muss er natürlich noch.

So schmeckt Hoos London Gin

Im Glas ist der Gin sehr leicht, weißstrahlend, sehr elegant. Nach dem Schwenken dauert es zwei Sekunden, bevor sich gefühlte Hundertschaften von Beinchen den Weg nach unten bahnen. In der Nase kommen zunächst beinahe gleichzeitig die beißende Frische-Note des Wacholders und eine angenehme und flüchtige Pfeffer-Schärfe an. Es folgen Zitronenschalen und Kamille, danach dominieren die Kräuter. Lässt man den Gin ein wenig stehen, wird aus den starken Zitrusdüften eine eher kräutrige Melisse und wir meinen, noch ein wenig Salbei herauszuriechen.

Nase: Wacholder, Pfeffer, Zitronenschalen, Kamille, Melisse, Salbei

Zunge: Pfeffer, Wacholder, Thymian, Kamille, Fichtensprossen

Im Mund kommt der Hoos London Gin so an wie in der Nase: Eine merkliche Pfefferschärfe mit Wacholder spült sich unseren Rachen hinunter, zurück bleiben Kräuternoten und etwas, das entfernt an Waldboden erinnert. Im zweiten Schluck ist der Gin viel differenzierter, wir schmecken die Kamille und etwas in Richtung Thymian, das wohl vom verwendeten Majoran stammt. Auch die Kiefernsprossen schmecken wir heraus, sie verstärkern den Eindruck von feuchtem Wald, den wir nach dem ersten Schluck hatten. Schönes Ding, dieser Gin.

Der Hoos London Gin im Gin Tonic

Im G&T ist der Hoos jetzt nicht der zartbesaitetste Gin – er kann sich durchaus auch gegen Elderflower Tonics und besonders süße oder saure Tonics behaupten, bleibt seinem klassischen London Dry-Charakter treu. So richtig Spaß macht er uns aber vor allem mit sehr trockenen und leichten Tonics wie dem Fever Tree Mediterranean Tonic. Das öffnet die Aromen regelrecht, gibt ihm Platz, fächert ihn auf. Auch mit Gentleman’s Tonic hatten wir hier große Freude, die Pfeffernote des Tonics schmiegt sich ganz eng an die des Gins und wird intensiver, ohne zu dominant zu wirken.

Hoos London Gin in einem sauleckeren Gin Tonic mit Zitrone UND Gurke.
Hoos London Gin in einem sauleckeren Gin Tonic mit Zitrone UND Gurke.

In Sachen Garnitur kann der Hoos London Gin mit Gurken wie mit Zitronen, aber unser Highlight sind Apfelschnitze. Zwischen Kräutern, Kamille und Wacholder ist es die fruchtige, unaufdringliche Süße des Apfels in Verbindung mit leichter Säure, die aus einem hervorragenden Gin Tonic etwas macht, das wir im Tasting einfach nur ein “Woah!” nannten. Und mit “nannten” meinen wir “orgiastisch stöhnten.”

Der Hoos London Gin in klassischen Gin-Cocktails

Im Test stellt sich – zumindest für uns – heraus: der Hoos mag keine Süße – mit Frucht kann er, deswegen die Äpfel im Gin Tonic, aber Zucker ist nicht seins. Einen trockenen Martini mit Hoos begrüßen wir freudig, vor allem die Säurenoten aus dem Wermut stehen ihm. Im Gin Basil Smash müssen wir den Zuckersirup im Cocktail-Rezept um die Hälfte eindampfen, dann macht er auch hier Spaß, kann sein Potenzial ausspielen. Wir können’s nur schwer erklären, aber wann immer zu viel Zucker im Cocktail landet, driften die intensiv-spannenden Kräuternoten gelegentlich ins seifige ab.

Hoos London Gin in einem Dirty Martini mit Oliven als kleines Side Dish. Ja, wir hatten Hunger.
Hoos London Gin in einem Dirty Martini mit Oliven als kleines Side Dish. Ja, wir hatten Hunger.

Hammer: Hoos London Gin im Aviation Lavender Fizz. Der blumige Lavendel, die fruchtig-herben Aromen des Maraschinos und dann der harte Wacholder nebst Kamille und Majoran … Was dabei rauskommt hat ein irre spannendes Geschmacksprofil, lässt sich über zwei, drei Gläser hinweg mit jedem Schluck neu erforschen. Irre schöner Gin-Cocktail. Für einen eigenen Drink mixen wir ihn mit einem speziellen Trinkessig vom Doktorenhof, der durch die Lagerung im Barrique-Fass und den Einsatz von Pflaumen intensive Sherry-Noten mitbekommen hat. Das Ergebnis kann sich sehen und schmecken lassen:

Valencia is calling

  • 6 cl Hoos London Gin
  • 2 cl Doktorenhof Pflaumen-Essig
  • 2 Spritzer Angostura Bitters

Alle Zutaten auf Eis rühren und in ein vorgekühltes Martiniglas abseihen. Trinken.

Hoos London Gin direkt beim Hersteller kaufen!

Fazit: Spannender Gin mit ein paar kleinen Ecken und Kanten, der trotz seines “unauffälligen” Profils klare Akzente setzt und richtig eingesetzt für verflucht gute Drinks sorgt. Mit 25 Euro für 0,5 Liter ist das Ding aber außerdem der absolute Preisknüller auf diesem Niveau.

Daten: Deutschland, 44,4 Prozent, 0,5 Liter, um 25 Euro

Heiko Hoos hat uns für dieses Tasting eine Flasche Hoos London Gin und zusätzliche Infos zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus hat er aber weder auf das Tasting, noch den Artikel an sich Einfluss zu nehmen versucht. Vielen lieben Dank für die tolle Zusammenarbeit! 

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Johann

Cocktailbarts Archmage of Content bei Nacht, Familienvater & Texter bei Tag. Lieblings-Drink Martini, Lieblings-Spirituose trotzdem Rum. Wohnt in Franken, kommt aus der Oberpfalz (ist beides in Bayern, tschuldigung). Typischer Satz: "Meinste das wär geiler, wenn man Olivenlake reintut?"

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