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Bartrends 2017: Rum, Gin Tonic Coffee und jede Menge Wermut

Gin Tonic mit Cold Brew Coffee ist als als Gin Tonic Coffee der Cocktail-Trend 2017. Sagen Frauenmagazine.
Gin Tonic mit Cold Brew Coffee ist als als Gin Tonic Coffee der Cocktail-Trend 2017. Sagen Frauenmagazine.

Trends vorauszusagen ist einfach: Wenn du Unrecht hast, gehst du unter in einer Masse von Spinnern, die genauso Unrecht hatten wie du. Wenn du Recht hast, bist du der schlaue Typ, der von Anfang an wusste, dass irgendwas passiert. Ursprünglich war ein Artikel zu Bar- und Spirituosen-Trends deswegen nie für Cocktailbart.de geplant. Was uns umgestimmt hat, war das Projekt von cocktailsworld.net – 9 Spirituosen-Blogger mit 9 verschiedenen Ausrichtungen, Zielgruppen, Ideen und Hintergründen arbeiten an 9 verschiedenen Artikeln zum Thema „Bartrends 2017“.

Freilich, das Spiel bleibt dasselbe, aber durch den Gruppen-Ansatz hat es was von Tippgemeinschaft – vielleicht liegen wir mit unseren Weissagungen hier und heute daneben, aber wenn einer der Kollegen richtig tippt, dann hatten wir am Ende des Tages auch ein bisschen Recht. Durch den Schwarmintelligenz-Ansatz bekommt das Projekt außerdem eine spannende Dynamik – und für den Leser ein klareres Bild: Wenn alle Teilnehmer des Projekts etwa einen Mezcal-Boom voraussehen, aber nur einer einen Hype auf Bier aus vergorener Yak-Butter, dann gibt das ein viel kompletteres Bild als wenn man nur den Artikel des Yak-Butter-Idioten liest.

Bartrends 2017: Wie gehen wir vor?

Zum Zeitpunkt als wir diesen Artikel für das Projekt schreiben, sind bereits zwei andere fertig: Christian von cocktailsworld arbeitet sich durch Google Trends und geht damit klassisch-empirisch vor: Was wird stärker gesucht als früher, welche Spirituosen und Cocktails waren nur kurze Feuerchen statt Dauerbrenner? Armin von Bar-Vademecum hält in seiner direkten Umgebung Ausschau, orientiert sich daran, was die Bars in seiner Nachbarschaft so treiben und was er selbst erlebt.

Wir liegen irgendwo dazwischen – und mischen für diesen Artikel persönliche Eindrücke und die spannendsten Ergebnisse aus etwa 20 deutschen und englischen Artikeln über Cocktail- und Spirituosen-Trends für 2017, die wir uns für diesen Beitrag zu Gemüte geführt haben. Das ist nämlich das schöne (und zugegeben: feige) daran, wenn man einen Artikel wie diesen im März schreibt, statt wie alle anderen Anfang Januar: Man kann sich auf das stützen, was andere schon mal behauptet haben. Dann sind im besten Falle auch die schuld, wenn’s nachher nicht stimmt.

Wermut auf dem Vormarsch

Ein Trend, von dem wir praktisch überall lesen: Wermut. Gerne auch im Zusammenhang mit „Fortifizierten Weinen“, um klarzustellen, dass etwa auch Sherry auf dem Vormarsch ist. Während letzter aber eher zögerlich aus Omas Hausbar herauslinst, legt Wermut nachweislich massiv zu – nicht nur, dass er immer stärker nachgefragt wird, auch immer mehr neue Produkte erblicken das Licht der Welt. Die deutsche Marke Belsazar gehört da zwischen dem Duro 1469 der fränkischen Brennerei Simon’s und dem Wermut von Ferdinand’s schon zu den alten Hasen.

Fortified Wine Tasting for the up coming @cinchonabar menue Zurich

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Einer der Gründe dafür ist wahrscheinlich der Wermut Tonic, ein Drink den eine sehr bekannte Wermut-Marke schon länger als Martini Tonic bewarb und damit 2016 besonders großen Erfolg feierte. Tonic Water ist von der ganzen Gin Tonic-Sauferei eh da, gemixt ist der Wermut-Cocktail genauso flott. Dieser Drink ist das Paradebeispiel für einen sogenannten Low-ABV-Drink. ABV steht für Alcohol by Volume und Low ABV entsprechend für einen Drink mit wenig Umdrehungen. Genau die begegnen uns bei der Recherche auch ständig – aus nachvollziehbaren Gründen.

Low ABV: Cocktails mit wenig Alkohol

Klassisch fallen solche Drinks unter „Leichte Aperitifs“ und genau als solche kommen sie gerade sehr in Mode: Als leichte Drinks vor und auch während des Essens. Der Hintergrund: Cocktails an sich gewinnen in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung, ersetzen in Restaurants und auch daheim beim Grillen immer öfter das Bier oder den Wein. Während man sich in zwei Stunden Steakfresserei aber problemlos drei bis vier Bier reinschütten kann, hat man mit drei bis vier Gin Tonics in derselben Zeit schon gut die Lampen am brennen.

Einsatz Wermut, Bitter und Liköre: Eine leichte Spirituose, aufgegossen mit Soda oder Limonade, kommt auf einen ähnlichen Alkoholgehalt wie Bier oder Wein und ist im Zweifel ähnlich erfrischend. Durch den niedrigen Alkohol entsteht wohl auch der Eindruck der Drink wäre „gesünder“, zumindest ist „Healthy Living“ anscheinend in den USA Thema bei der Cocktail-Wahl. Nicht nur der angesprochene Wermut Tonic profitiert von dieser Bewegung, auch etwa der Campari Soda. Mischt man den dann noch zum Beispiel mit Mondino Amaro aus dem Chiemgau statt dem klassischen Campari, verbindet man den Trend zum leichten Cocktail noch mit Regionalität. Denn auch die wird 2017 so wichtig wie nie.

Zurück zur Heimat: Schnaps aus Deutschland

Im Food-Bereich ist Regionalität schon seit Jahren großes Thema – was sich natürlich auch auf Spirituosen übertragen hat. Bis vor drei, vier Jahren bedeutete das allerdings meistens, dass man mehr Obstler, Korn und Marillenlikör trinken sollte. Sollte man freilich auch, nimmt aber nur zögerlich Fahrt auf. Stattdessen hat sich der Regionalitäts-Trend der Realität angepasst: Weil die Menschen trotz allem weiter Rum, Wodka, Whisky und Gin saufen, werden genau diese Sachen verstärkt in Deutschland hergestellt – und zwar erfolgreich.

Zugegeben, deutscher Whisky ist fast schon ein alter Hut und dass Deutsche Brenner Wacholder können, ist auch nicht neu. 2016 fiel jedoch nicht zuletzt dank Revolte Rum der Startschuss für etwas, das gerne die „deutsche Rum-Revolution“ genannt wird. Deutscher Rum boomt und kommt an. Deutscher Wodka übrigens auch – vor allem weil sich kleine Brenner wie Florian Renschin mit seinem roggenlastigem Freimut Wodka vom klarfiltrierten Einheitsbrei entfernen. Zugegeben allerdings: An eine Wodka-Revolution in der breiten Masse glauben wir leider nicht so ganz – dafür ist der durchschnittliche Wodka-Fan zu sehr auf Geschmackloses getrimmt.

#slyrs tasting at #hagelauer #siegen #whisky #deutscherwhisky #fiftyone

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Zu diesen heimischen Entwicklungen in den gängigen Spirituosen-Kategorien kommen unzählige deutsche Nischen-Produzenten, die altbewährtes und total verrücktes ins Glas zaubern: Vom Einzelprojekt wie dem Heiland Bierlikör von einem dreiköpfigen Studenteam aus Bayern bis zum Brenner Florian Faude, der neben klassischen Obstbränden auch Gurken- und Rote-Beete-Geist auf den Markt wirft und so besonders abgefahrene Cocktail-Kreationen ermöglicht. Wer nach richtig spannenden Schnäpsen sucht, wurde schon 2016 zu Hause fündig – und das wird 2017 noch besser.

Mezcal, Genever, Aquavit oder doch wieder Rum?

In jedem Trend-Artikel, den wir konsultierten gab es mindestens eine Trend-Spirituose, deren großer Durchbruch 2017 bevorsteht, weil Gin ja total outdated und es Zeit für etwas neues ist. Klar: Das wurde mal mehr, mal weniger aufgeregt kommuniziert, mit wechselnder Vorsicht. Die Favoriten der Autoren: Mezcal, Genever und Aquavit. Mezcal ist eine Spirituose mit der auch wir uns zuletzt ausgiebig beschäftigen, allerdings glauben wir hier nicht an einen massiven Trend: Der kleine Bruder Tequila hat in Deutschland noch immer einen schwierigen Ruf; den aufzuarbeiten, wird noch dauern. Mezcal ist weniger massenkompatibel – er ist oft teuer und noch öfter sehr rauchig. Außerdem sind bedingt durch die handwerkliche Herstellung die Produktionsmengen schlecht skalierbar. Heißt: Wenn da wirklich mal ein Trend startet, wären die Vorräte wahrscheinlich schnell ausgetrunken. Schade eigentlich.

Genever war lange Zeit der hässliche holländische Onkel des Gins und tauchte erst in den letzten ein, zwei Jahren wieder sichtbar aus der Versenkung auf. Zum einen, weil – und das soll jetzt nicht diese wunderbare Spirituosen-Kategorie schmähen, auch wenn es so klingt – man nach Gin etwas Gin-artiges brauchte, das nicht ganz so Mainstream war. Zum anderen, weil viele klassische Cocktails auf Genever setzen, die nach und nach wiederentdeckt werden. Wir glauben an Genever, die Zeit dafür ist reif – aber wohl eher 2018, für 2017 ist der Trend noch zu jung. Bleibt noch Aquavit. Wir mögen Aquavit. Aber ganz ehrlich: Für einen Aquavit-Trend konnte uns kein Artikel ein Argument nennen, außer „Ich mag Aquavit, mehr Leute sollten damit arbeiten.“ Und wenn das tatsächlich ein Argument ist, erklären wir hiermit Oma Ernas Estragon-Essig zum Hype-Filler 2017.

Aber bleibt 2017 dann Gin die Nummer 1? Vielleicht nicht. Der Hoffnungsträger heißt Rum. Der ist ohnehin präsent, wird aber so heiß diskutiert wie selten zuvor: Dass große Marken wie Ron Botucal oder Ron Zacapa ihr Destillat bis zum geht nicht mehr mit Zucker versetzen und das nicht einmal kommunizieren, das erzürnt Endverbraucher und treibt Barbesitzer dazu, die Marken auszulisten. Eine Qualitäts-Diskussion, die zeigt: hinter Rum steckt auch in Deutschland Leidenschaft. Und Rum-Revolution ist ja auch noch. Dazu kommen mit den immer stärker nachgefragten Varianten Rhum Agricole und Clairin neue Felder, die auch die meisten Rum-Kenner erst noch ergründen müssen. 2017 wäre ein gutes Jahr dafür.

Frauenmagazine sagen: Gin Tonic Coffee macht das Rennen

Wir befürchten, dass der Trend-Drink des Jahres wider Erwarten nicht von Bar-Virtuosen und Connoisseuren bestimmt wird, sondern von Brigitte und Freundin. Zu Beginn des Jahres 2017 werden Boulevard-Webseiten und Frauenmagazine geradezu überschwemmt von Artikeln und Rezepten zum Gin Tonic Coffee. In den Bars eigentlich ein alter Hut, das gab’s vor ein paar Jahren schon mal. Aber weil 2016 vielerorts der Cold Brew-Kaffee aufkam und Cold Dripper für unter 50 Euro zu haben sind, ist kalter Kaffee dieser Tage in.

Schüttet man den in den Gin Tonic hat man – so die einhellige Meinung – einen Doppel-Trend. Kann man drüber streiten, ob das geschmacklich so viel Sinn macht – wir haben noch keine Kombination gefunden, die uns begeistert. Und ob man einen Hype ausrufen muss, nur weil die Kollegen und Kolleginnen in den Frauenmagazins-Redaktionen voneinander abschreiben, wissen wir auch nicht. Aber falls Gin Tonic Coffee das ganz große Ding wird dieses Jahr, wollen wir die sein, die’s vorher gewusst haben. Bis es soweit ist, haben wir dann hoffentlich auch eine Kombi aus Gin, Tonic Water und Röstung gefunden, die uns selber schmeckt.

JohannTrasch

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