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Estancia Raicilla Agavenbrand und die Palomita

Estancia Racilla in der Paloma-Shortdrink-Variante Palomita.
Estancia Racilla in der Paloma-Shortdrink-Variante Palomita.

Wir kategorisieren diesen Artikel zwar unter „Mezcal„, aber eigentlich ist das Kokolores. Gut, Raicilla wird genau wie Mezcal oder Tequila aus Agaven gebrannt, ist aber eben etwas eigenständiges. So wie Korn, Wodka und New Make (ungereifter Whisky), die zwar eine sehr ähnliche Basis haben und je nach Machart auch ähnlich schmecken, aber trotzdem ganz eigene Spirituosen-Kategorien darstellen. Zugegeben: der große Unterschied ist in diesem Fall, dass Raicilla eben nicht in einer der streng festgelegten Mezcal-Regionen hergestellt wird; ähnlich wie Tequila darf dieser nämlich nur in ganz bestimmten Teilen Mexicos gebrannt werden. Deswegen ist der Raicilla allerdings kein Stück weniger spannend:

Die Flasche für dieses Tasting wurde uns von Dr. Sours, dem deutschen Vertrieb von Estancia zur Verfügung gestellt, Bedingungen gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  

Die Story hinter Estancia Raicilla

Wenn man an die Hersteller von Agavenbränden denkt, denkt man entweder an kleine Dörfer, in denen jeder einmal im Jahr bei der Agavenernte mithilft oder an gigantische Drucköfen seelenloser Industrie-Konzerne. Estancia Raicilla ist dagegen eine Marke, die eher an die deutsche Hipster-Craft-Szene erinnert: 2014 entscheidet sich der Australier Rio Chenery nach Mexiko zu ziehen, um näher bei seiner mexikanischen Mutter leben zu können. Weil er dort keinen Bock mehr auf seinen Job im Marketing hat, verwirklicht er den Traum seines Großvaters, der sich 50 Jahre zuvor im Bergdorf Mascota in Raicilla verliebte und ihn von da an für den familiären Eigenbedarf brannte.

Rio gründet in der Stadt Estancia im Hochland von Jalisco seine eigene Brennerei und fängt an, professionell Raicilla zu destillieren. Abgefüllt in Flaschen, die aus eingeschmolzenen Coca Cola-Flaschen hergestellt werden – ein Anliegen für ihn, da alte Glasflaschen im pfandlosen Mexiko durchaus ein Umweltproblem darstellen. Für seinen Agavenbrand benutzt er 6 bis 8 Jahre alte Maximiliana-Wildagaven, an deren nachhaltiger Kultivierung er derzeit arbeitet. Nach 2 Tagen im Lehmofen werden die Piñas, also die von Blättern befreiten Agaven in Ex-Jack-Daniels-Fässern offen vergoren und anschließend doppelt auf einer Kupferdestille über offenem Feuer gebrannt. Schmecken tut das dann so:

So schmeckt Estancia Raicilla

Zahllose dicke, schwere Beinchen zieht der Estancia nach dem Schwenken und schwappt mit leichter Öligkeit hin und her. Die Nase ist irgendwo zwischen Tequila und Mezcal: Frische, würzige Agave steigt uns in die Nase, gemahlender schwarzer Pfeffer, dazu aber auch florale Noten von Rosen und Lavendel. Etwas Rauch und Teer gesellen sich dazu, untermalen aber nur. Lässt man ihn etwas stehen, kommen Aromen von frischgemähtem Gras dazu.

Nase: Agave, schwarzer Pfeffer, Rosen, Lavendel, Rauch, Teer, frischgemähtes Gras

Zunge: Agaven, schwarzer Pfeffer, Rosmarin, Minze, Rosen, Getreide

Der Geschmack spiegelt den Eindruck aus der Nase zunächst 1:1 wider: ein sehr trockenes Destillat, kräftige Agaven, leicht salzig, auf dem Weg zum Abgang wieder frischer schwarzer Pfeffer, etwas Rosmarin und ein Hauch von Minze. Im Nachgeschmack wieder recht floral, die Rosen finden wir wieder und da sind nun auch wieder die leicht grasigen Noten, die hier aber eher Richtung Getreide abdriften. Ein komplexes, aber nicht überladenes Agaven-Schnäpschen.

Der Raicilla pur und in Cocktails

Der Estancia funktioniert für sich hervorragend und ist butterweich, ohne störendes Brennen. Zwar soll der hier verkosteten 40%-Variante noch eine mit 45% folgen, aber bei so viel Qualität sind wir guter Hoffnung, dass auch für die gilt: unbedingt pur verkosten. Da braucht es keinerlei Wassertropfen oder Eis – der wundervoll-würzige, floral-runde Geschmack funktioniert genau so wie er ist. Trotzdem möchte das Team von Dr. Sours und ihrem Import-Export-Partner traficante.mx den Brand als Alternative für einen Gin Tonic anbieten, als die unkomplizierte Möglichkeit, eine für den Durchschnittsgaumen eher ungewöhnliche Spirituose wie den Raicilla zu erleben. Wir haben schon diverse Tequila & Tonic-Varianten probiert und wissen daher: wir sind eigentlich keine Fans. Nun das Aber: durch die floralen Noten und die pfeffrige Salzigkeit geht das hier ab wie nichts Gutes: ein trockenes Tonic draufschütten, Limettenzeste dazu. Ein Wahnsinns-Drink, der der Meinung des Autors nach selbst mit einigen hervorragenden G&Ts noch den Boden aufwischt.

Eine Buttermilch Margarita – unser Standard-Drink für alle neuen Agaven-Destillate – gelingt verflucht gut, wenn auch für einige der Tester schon zu kräftig-agavig. Die fallen allerdings auch schon nicht mehr in die Mezcal-Zielgruppe. Auf der Suche nach etwas abseitigem zum Rühren (und ja: das war in diesem Moment die exakte Anforderung) mixen wir den Estancia 1:1 mit Cynar – einem bitteren Artischocken-Aperitif. Ja, das ist abseitig – aber auf die gute Art. Was uns außerdem besonders mitreißt ist der Raicilla Manhattan, den wir im Nachgang mixen: 2 Teile Agave, 1 Teil Wermut, 3 Spritzer Dr. Sours All Sours Bitters, gerührt auf Eis.

Estancia Racilla im Raicilla Tonic.
Estancia Racilla im Raicilla Tonic.

Und dann – ja dann kam mit dem französischen Grapefruit-Aperitif Pampelle die Idee, eine Shortdrink-Paloma zu mixen. Weil wir recht selbstkritisch sind – und diese ganze Cocktail-Sache immer noch üben – schafft es nur selten eine unserer Eigenkreationen in unsere ganz persönliche All-Time-Cocktailkarte. Aber an der Stelle loben wir uns jetzt mal richtig derbe selber.

Palomita

  • 6 cl Raicilla
  • 2 cl Pampelle
  • 1 cl Agavendicksaft
  • 1 cl Limettensaft

Alles zusammen auf Eis shaken, in eine vorgefrostete Coupette abseihen, mit Grapefruit-Zeste garnieren. Trinken.

Estancia Raicilla gibt’s bald in Deutschland über Dr. Sours! 

Fazit: Raicilla ist als Mezcal-der-keiner-ist eine Nische in der Nische – allein der Faktor Individualität rechtfertigt es also, sich eine Flasche Estancia in die Hausbar zu stellen. Aber macht besser zwei draus – denn so ganz nebenbei ist das Zeug pur und in Cocktails eine kleine Agaven-Offenbarung.

Daten: 40 Prozent, Mexiko, 0,7 Liter, um 55 Euro

Manuel und Sol von Dr. Sours haben uns den Raicilla vorgestellt und anschließend für eigene Mixing-Versuche zur Verfügung gestellt, danach aber weder auf Art oder Umfang eventueller Artikel, noch das Tasting Einfluss zu nehmen versucht. Wir sagen herzlichst Danke für die tolle und unkomplizierte Zusammenarbeit und den schönen Abend 🙂 

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JohannTrasch

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