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Vollkorn: Der Korn vom Bodensee im Pur-Tasting und Cocktail-Test

Der Vollkorn in einem fantastischen Kornpolitan-Cocktail mit Rote-Beete-Saft!
Der Vollkorn in einem fantastischen Kornpolitan-Cocktail mit Rote-Beete-Saft!

Korn, das ist im Wesentlichen ungefilterter Wodka. Wo der russische Kartoffel- und Getreidebrand etwas nimmt, destilliert und dann so lange damit herumspielt, bis es hoffentlich nach nichts schmeckt (einige fantastische Ausnahmen ausgenommen), da geht der Korn her und sagt: „Das wird aus Getreide destilliert, das soll auch nach Getreide schmecken.“. Sollte man zumindest meinen – denn leider kennen die meisten von uns Korn nur als beißend-scharfes Zeug, das der Opa immer mit Bier herunterspülen musste.

Die Flasche für dieses Tasting wurde uns vom Hersteller auf unsere Anfrage zur Verfügung gestellt, Bedingungen an den Artikel gab es nicht. Mehr Informationen dazu am Ende des Artikels.  

Vollkorn dagegen nimmt es ernst, das Korn. Vollkorn macht mit einer ganz einfachen Idee – Korn drauf = Korn drin – aus einem ganz einfachen Produkt – vergorenem Getreide – etwas (Achtung: Spoiler) – Wunderbares. Tatsächlich ist die geschmackliche Inspiration für den Getreidebrand vom Bodensee nämlich das zweitwichtigste Getreideprodukt in Deutschland: Brot. Nach dem sollte der Vollkorn schmecken, wenn es nach seinen Machern Maximilian und Sebastian Schmidt geht. Hier der nächste Spoiler: das haben sie geschafft. Aber fangen wir von vorne an.

Das Weingut Schmidt vom Bodensee

Wenn man in einen elterlichen Betrieb hineinwächst, vor allem in einen gastronomischen mit Ferienhäusern, Vinotheken und eigenem Weingut, dann kann man in Fußstapfen treten. Man kann auch rebellieren, wenn man mag und die Fußstapfen Fußstapfen sein lassen. Die vielleicht schönste Variante ist es aber, den vorgetretenen Trampelpfad von Mama und Papa einfach auszubauen. So geschehen bei den Gebrüdern Schmidt – die haben aus dem bestehenden elterlichen Betrieb heraus einfach mal die alte Hausbrennerei geentert und brennen jetzt unter eigener Startup-Flagge den Vollkorn (und viele tolle Edelbrände, aber dazu an anderer Stelle mehr). Die Philosophie dafür sollte dieselbe sein wie sie Papa Eugen Schmidt auch schon für den Weinanbau vorgibt:

Das Produkt entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Natur und mit Respekt vor dem, woraus es gemacht wird. Im Fall des Vollkorns war das eben: Korn. Er soll den Ton angeben in dem Stöffchen, soll klar herauszuschmecken sein, statt sich zu verstecken. Und so ganz nebenbei sollte der Vollkorn noch die vielleicht unsexyste Spirituosenkategorie Deutschlands in die besseren Bars der Republik bringen. Genau deshalb arbeiten die Jungs inzwischen mit diversen Bartendern zusammen und entwickeln leckere Cocktails,  die man auf ihrer Facebook-Seite zwar sieht, aber ohne Rezepte noch nicht nachmixen kann – voll fies. Starten wir halt derweil mit der Pur-Verkostung:

So schmeckt Vollkorn

Im Glas ist der Vollkorn behäbig und schwer, zieht klar sichtbare Schlieren und ist absolut farblos. Das Aroma ist spannend, aber trotz Vorbereitung auf den Brand zunächst schwer zu definieren. Es ist ein robust-uriger Duft von nassem Getreide mit einem Hauch gerösteter Brotrinde. Nach einer Weile kristallisiert sich klar Roggen heraus und dazwischen etwas frisch-fruchtiges, das an Zitronenschale erinnert. Am Ende bleibt in der Nase der Hauch von Brotgewürz, diese verworren-schöne Mischung aus Koriander, Fenchel und Kümmel.

Nase: Roggen, geröstete Brotrinde,  Zitronenschalte, Brotgewürze

Zunge: Äpfel, Roggen, Brotgewürze, Karamell

Im Mund ist er zunächst auffällig weich, aber geschmacklich nicht annähernd so präsent wie in der Nase. Gefühlt beginnt er sogar mit einer Fruchtnote, die mild an rote Äpfel erinnert. Erst auf dem Weg in den Rachen kommt der Roggen deutlich heraus, gefolgt wieder von dieser kräutrig-erdigen Note von Gewürzen. Im Nachgeschmack bleibt er fruchtig, begleitet von einer warmen Karamellnote. Trinkt man ihn unkonzentriert, ohne Tasting-Hintergedanken, also ohne „genau hinzuschmecken“, dann würde man einfach sagen: „Vollkorn schmeckt nach Brot und Frucht.“ Aber das mit einer wunderschönen Mischung aus Wucht und Eleganz.

Vollkorn in Cocktails und pur

Korn in Cocktail-Rezepten, das ist eine schwierige Nummer – seit wir denken können, bedeutet Korn trinken, dass man sich Shots in den Hals schüttet oder im besten Fall noch aus dem Obstlerglas heraus genießt. Letzteres funktioniert mit dem Vollkorn natürlich hervorragend, pur ist er ein spannendes Abenteuer. Trotzdem wollten wir natürlich möglichst viel mit dem Korn vom Bodensee herumspielen. Wo aber fängt man eine solche Reise an? Zuhause, bei dem was man kennt – also genießen wir den Vollkorn zunächst als: Gehängten.

Der Vollkorn als Gehängter mit Sardelle und Korn. Nur bloß nicht reinschütten - hier muss man genießen.
Der Vollkorn als Gehängter mit Sardelle und Korn. Nur bloß nicht reinschütten – hier muss man genießen.

Diesen Drink gibt’s mit ach so vielen Spirituosen und überall in Deutschland heißt er anders. Grundsätzlich sieht die Sache so aus: Man hängt eine Sardelle an einem Zahnstocher über ein Glas. Dann isst man die Sardelle und schüttet den Korn hinterher. Haben wir also auch mit dem Vollkorn gemacht. Gut wir haben freilich nicht geschüttet – aber wir haben uns eine salzig-fischige Sardelle genehmigt und anschließend den Vollkorn getrunken. Was sollen wir sagen: Großartig war’s, wie eine vollwertige Mahlzeit aus Brot, Fisch und Alkohol.

Auch wenn Vollkorn eine wahnsinnig tolle Spirituose ist: Mit unserem Dirty Hangman-Cocktail haben wir uns verzockt.
Auch wenn Vollkorn eine wahnsinnig tolle Spirituose ist: Mit unserem Dirty Hangman-Cocktail haben wir uns verzockt.

Das muss aber doch auch irgendwie schöner gehen, edler, dachten wir uns. Das müsste man doch in einen stilvollen Cocktail pressen können, sowas wie einen Dirty Martini, nur mit Sardelle. Dachten wir uns zumindest. Also mixen wir uns einen Drink aus Korn und Wermut, geben eine angematschte Sardelle hinein, shaken die Sache auf Eis und seihen doppelt ab. Das Ergebnis ist der Dirty Hangman (wegen Dirty Martini und Gehängter) – und es ist das widerlichste, abstoßendste und grässlichste, was wir je trinken mussten. Das Ding schmeckt nach Plastik mit Fisch. Uns wird jetzt noch schlecht.

Das geglückte Experiment: der Kornpolitan

Der Vollkorn funktioniert erstaunlich gut als Longdrink mit einem nicht zu trockenem Tonic oder als Bodensee Mule in Kombination mit Limette und Ginger Beer. Beides nichts, was einem unbedingt schmecken muss, aber in jedem Fall spannend. Den Ingwer-Gedanken spinnt Matthias von Augustine-bar.de in seinem Vollkorn Cocktail Against the Grain weiter zu etwas, dass sich herausragend anhört, für das uns aber leider ein paar Zutaten fehlen – holen wir nach. Und experimentieren erstmal selbst weiter – mit dem Kornpolitan. Der ist das genaue Gegenteil unseres Dirty Hangman – nämlich lecker. Statt Wodka und Cranberry wie im Cosmopolitan findet sich hier brotiger Korn an der Seite von Rote-Beete-Saft wieder – und das Ergebnis ist ein schön austarierter, sehr erdiger und trotzdem fruchtiger Drink:

  • 4 cl Vollkorn
  • 1,5 cl Rote-Beete-Saft
  • 1,5 cl Zitronensaft
  • 1,5 cl Zuckersirup
  • 1 Prise Salz

Alles zusammen in einen Shaker voller Eis geben, ordentlich durchschütteln und in eine vorgekühlte Coupette abseihen. Mit einer Zitronenzeste garnieren.

Zu kaufen gibt es den Vollkorn etwa bei Geileweine.de.

Fazit: Vollkorn ist der Revolte Rum des Korns: Eine Rückbesinnung auf Geschmack, die vielleicht dazu in der Lage ist, eine ganze Spirituosenkategorie umzukrempeln und von der wir uns in den nächsten Monaten und Jahren noch diverse Hammer-Cocktails erwarten. Schmidt-Jungs, wir brauchen dieses Rezeptbuch.

Daten: 0,5 Liter, Deutschland, um 35 Euro, 40%

Für dieses Tasting hat uns Maximilian von Vollkorn freundlicherweise auf Nachfrage eine Flasche des Korns zur Verfügung gestellt. Darüberhinaus hat er aber weder Ansprüche an den Artikel gestellt, noch versucht, auf das Tasting Einfluss zu nehmen. Stattdessen gab’s noch mehr spannende Brände, die wir demnächst hier verkosten. Wir bedanken uns trotzdem schon mal für die partnerschaftliche und unkomplizierte Zusammenarbeit 🙂

JohannTrasch

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