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Seedlip: Alkoholfreier Schnaps

Seedlip Tonic mit Zitronenzeste als Garnitur. Quelle: Seedlip.com
Seedlip Tonic mit Zitronenzeste als Garnitur. Quelle: Seedlip.com

„Alkoholfreier Schnaps – ist das sein Ernst?“ Ja, ist es – danke der Nachfrage. In diesem Artikel geht es um Seedlip – eine alkoholfreie Spirituose aus Großbritannien, eine Art Gin, der nicht betrunken macht. Einige Menschen werden das lesen und sich denken „Was soll der Blödsinn? Wer braucht das?“ und andere werden auf Knien darniederfallen, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen alkoholfreien Cocktail bestellen können, der mehr ist als nur eine zuckrige Fruchtsaftpampe. Man kann alkoholfreien Schnaps zugegeben saublöd finden – wir verstehen das. Trotzdem ist Seedlip eine Revolution.

Um das mal aus der Welt zu schaffen, bevor ihr uns Wikipedia-Artikel um die Ohren haut: Alkoholfreien Schnaps gibt’s gar nicht. Per Definition (und EU-Richtlinie) muss eine Spirituose Alkohol enthalten. Seedlip ist damit „nur“ ein Destillat, wird ähnlich hergestellt wie Gin: Flüssigkeiten aus und mit Kräutern, Hölzern und Früchten werden destilliert und am Ende verschnitten, bis was Leckeres dabei rauskommt. Nur, dass bei der Produktion von Seedlip nicht wie bei „echten“ Spirituosen etwas fermentiert oder in Getreidealkohol mazeriert wird – deshalb bleibt er alkoholfrei. Der Knackpunkt ist: Damit ist das Zeug praktisch destilliertes Wasser. Destilliertes Wasser für knapp 40 Euro auf 0,7 Liter.

Die Story hinter Seedlip

Seedlip ist ein Produkt des britischen Produktdesigners Ben Branson. Der ist ein Genießer vor dem Herrn, liebt gutes Essen – aber trinkt nicht. Also so gar nicht. Wenn er ausgeht, hat er die Wahl zwischen Cola, Wasser und wenn’s was besonderes sein darf, mal Bitter Lemon oder ein Tonic. Das nervt ihn, weil alle um ihn herum die verrücktesten Sachen trinken und von ihren Cocktail-Entdeckungen schwärmen. Jammern gibt’s aber nicht, also hält er die Augen offen. Er entdeckt ein Buch aus dem 17. Jahrhundert mit dem Titel „The Art of Distillation“ – die Kunst der Destillation – aus dem er das Rezept für den alkoholfreien Seedlip ableitet.

Seedlip soll eine Lücke in der Welt der Cocktails füllen – er soll was spannendes, aromatisches sein, mit dem man spannende, aromatische Cocktails mixt, die man auch trinken kann, wenn man fahren muss, schwanger ist, morgen operiert wird oder wenn man halt einfach nicht trinkt. Seedlip-Martini oder Seedlip-Gin Tonic sollen die Sachen sein, die man unauffällig bestellt, wenn man keinen Bock hat, dem Rest der Welt zu erklären, warum man heute nicht säuft. Diese Lücke kennt wohl jeder von uns – und Ben Branson macht sich gerade daran, sie zumindest in den Londoner Bars zu schließen.

Kardamom, Piment und Eiche sind drei der Haupt-Zutaten von Seedlip. Quelle: Seedlip.com
Kardamom, Piment und Eiche sind drei der Haupt-Zutaten von Seedlip. Quelle: Seedlip.com

Branson wählt den Namen Seedlip, weil man früher in England Saatkörbe so nannte – im Kopf hatte er dabei die Farm seiner Eltern, die seit 300 Jahren in Familienbesitz ist. Jetzt ist der Mann Produktdesigner aus London, hat einen Rauschebart, ist tätowiert und immer stilvoll-leger gekleidet. Der weiß, wie man Sachen verkauft – also wissen wir nicht so genau wie viel an dieser Story dran ist. Aber sie ist auf jeden Fall ziemlich gut und sorgt für eines der schönsten Designs, die wir jemals auf einer Flasche sehen durften. Kann man aber auch erwarten, bei 40 Euro für 0,7 Liter destilliertes Wasser mit Geschmack.

Wie schmeckt Seedlip?

Seedlip wird aus Destillaten von  Piment, Kardamom, Grapefruit, Zitronenschale, Eiche und Kaskarilla-Rinde hergestellt. Letzteres ist sowas wie Chinarinde mit Gewürz-Aroma. Im Glas ist Seedlip hell und klar, von der Konsistenz her aber ganz eindeutig Wasser. Es perlt nicht am Glasrand herunter beim Schwenken, es zeigen sich keine Beinchen. Die Konsistenz macht gelinde gesagt keinen Spaß. Als wir die Nase ins Glas stecken, springt uns eine derart brachiale Gewürzwolke direkt in die Schleimhäute – und zwar mit Anlauf. Wir halten das zunächst für Gewürznelken – aber bei einer späteren Gegenprobe mit Piment und Nelken stellt sich heraus:  Was da so kräftig riecht ist tatsächlich Piment, durch die Frucht im Aroma driftet er aber durchaus in Richtung Nelken ab. Erst nach zwei, drei Minuten, in denen wir das Glas stehen lassen, riechen wir Kardamom und die Holz-Noten. Mehr lässt die Piment-Wolke nicht durch.

Nase: Piment, Nelken – dann lange nichts, dann Kardamom und Eiche.

Mund: Frucht, Nelken, Piment, Zitrus-Noten, Eiche

Im Mund dann fällt als erstes wieder die Konsistenz auf. Sie ist – wie für Wasser üblich – wässrig. Allein das sorgt dafür, dass Seedlip im puren Genuss keinen Spaß macht, so gar nicht. Dafür ist er aber auch nicht, gedacht – er wurde als Zutat für Cocktail-Rezepte entwickelt und da zählt der Geschmack: Hier merken wir zuerst eine warme, leicht bittere Frucht-Note, der aber direkt die Piment-Nelken-Kombination auf den Fersen ist, mit ähnlich ausufernden Noten wie in der Nase. Am Gaumen erleben wir sehr angenehme Zitrusnoten und im Nachgeschmack bleiben Nelken und Holz-Töne, die  an Weihnachtsmarkt erinnern. Das alles wäre schön – wenn nur nicht diese Konsistenz wäre.

Seedlip im Gin Tonic

Das Seedlip gemeinhin als Beinahe-Gin gilt, liegt wohl an der ähnlichen Herstellungsweise und daran, dass jede Spirituose mit derart parfümig-intensiven Geschmacksnoten irgendwo an Gin erinnert. Dafür fehlt zwar der Wacholder, aber der spielt in modernen Gins wie dem Niemand oder dem Skin Gin auch keine relevante Rolle mehr. Also behandeln wir Seedlip auch wie Gin und mixen uns einen Gin Tonic. Zuerst mit einem normalen Schweppes Indian Tonic. Das Ergebnis erhält das Prädikat „Ganz lecker“. Schmeckt wie Gin Tonic, die Konsistenz des Destillats selbst ist im Gin-Cocktail egal (passt also), das Nelkenaroma ist noch immer dominant, aber nicht aufdringlich. Kann man trinken.

Unser Lieblings-Gin Tonic im Seedlip-Test, gemixt mit Thomas Henry Elderflower Tonic.
Unser Lieblings-Gin Tonic im Seedlip-Test, gemixt mit Thomas Henry Elderflower Tonic.

 

Mit anderen Tonic Waters sieht die Sache ähnlich aus: Mit Fever Tree Meditteranean zum Beispiel lassen wir dem Ur-Aroma von Seedlip viel Raum, erhalten ein sehr nelkiges Getränk. Das absolute Highlight aber ist die Kombo mit Thomas Henry Elderflower Tonic. Die kräutrigen Bitternoten mit dem Holunder-Aroma und den Gewürz- und Holz-Tönen von Seedlip ergeben einen verflucht guten, sehr besonderen Gin Tonic. Diese Kombi ist der Funke, der uns bis dahin gefehlt hat – der Moment in dem wir gar keinen Alkohol mehr vermissen. Der Moment in dem wir uns fragen: Warum gibt’s nicht auch einen normalen Gin mit diesem Geschmacksprofil?

Seedlip in anderen Cocktails

Seedlip wurde designt, um damit Cocktails zu machen – alkoholfreie Cocktails. Und in den Bars in London, in denen er verkauft wird, beherrscht er oft die halbe Karte, Barkeeper mixen sich einen Wolf damit und entwickeln Drinks wie den Dandelyon Sourless (Eiweiß, Zitrone, Kokosnuss, Seedlip) oder den Tropical Grass (Seedlip, Ananassaft, Kiefern-Limonade). Seedlip Milk Punch besteht aus Milch, Honig, Seedlip und etwas geriebener Muskatnuss. Der ist ein irre gutes Betthupferl, dank dem winterlichen Aroma und der Konsistenz aber definitiv nix für den Sommer.

Diese Lücke kann man mit einem Seedlip Martini schließen:

  • 6 cl Seedlip
  • 2 cl Oliven-Lake

Auf Eis rühren, mit dem Sieb in ein vorgekühltes Martiniglas schütten, fertig. Ja, Oliven-Lake. Genau, das ist die Siffe, in der Oliven im Glas schwimmen. Ja, ganze zwei cl davon. Das Ergebnis ist ein komplett neues Geschmackserlebnis, an das man sich rantasten, gewöhnen muss. Aber durch den sehr intensiven, sehr anderen Geschmack trinkt man den Seedlip Martini sehr langsam, wie einen echten Martini – definitiv also ein adäquater Ersatz, für Nelken-Liebhaber sogar mehr als das.

Ein alkoholfreier Seedlip-Martini mit Olivenlake aus dem Glas.
Ein alkoholfreier Seedlip-Martini mit Olivenlake aus dem Glas.

Genauso übrigens wie ein Seedlip Gimlet. Der ist dank dem Widerspruch aus wärmenden Gewürzen und erfrischender Limettensäure ab heute unser offizielles Getränk für diesen einen Moment auf Freiluftpartys im Sommer, so gegen zehn, halb elf, wo wir zum ersten Mal überlegen, uns eine Strickjacke anzuziehen aber uns nicht sicher sind, ob’s nicht doch noch zu warm ist. Kein Scheiß.

Fazit: Pur ist Seedlip aufgrund seiner Konsistenz praktisch sinnlos – als Zutat für Cocktails aber vielen Gins absolut ebenbürtig und dank der starken Kardamom-/Nelken-Noten definitiv mehr als nur ein Schnaps-Ersatz. Vor allem aber ist Seedlip der Fluxkompensator der alkoholfreien Drinks: er macht Cocktails ohne Alkohol überhaupt erst möglich. Außer man redet sich weiterhin ein, Säfte mischen und Drinks mixen wäre das gleiche.

Daten: 0,0%; um die 40 Euro, England (erhältlich bisher nur via Versand aus Großbritannien).

Follow up: Gins mit dem Geschmacksprofil von Seedlip kennen wir derzeit nicht – also sehen wir nicht ein, dass wir damit nicht auch in „normalen“ Cocktails experimentieren können, wenn das Zeug doch gut schmeckt. In einem zukünftigen, zweiten Artikel geht’s also um alkoholhaltige Seedlip-Cocktails. Weil wir voll die Rebellen sind und weil Seedlip mehr ist als einfach nur ein Ersatz für irgendwas. Er ist eine spannende Cocktail-Zutat – die nur zufällig alkoholfrei ist. 

JohannTrasch

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