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Islay Storm: unsere Version des Whisky-Cocktails aus der Charles Bar

Der Islay Storm stammt aus der Charles Bar in Wittenberg - wir versuchen, den Cocktail anhand der Beschreibung in der Barkarte nachzubauen.
Der Islay Storm stammt aus der Charles Bar in Wittenberg - wir versuchen, den Cocktail anhand der Beschreibung in der Barkarte nachzubauen.

Es gibt Barkarten, die schaut man von vorne bis hinten durch und bestellt sich dann doch wieder seinen Lieblings-Drink. In der stillen Hoffnung, dass der Bartender ihn hinbekommt. Es gibt Barkarten, die sind so überfrachtet mit Unfug, dass man sich einen Gin Tonic bestellt und noch vor dem ersten Schluck bezahlt. Und es gibt Barkarten, die schlägt man auf und entdeckt schon nach Sekunden einen Drink, den man ohne weiterzulesen bestellt. Mit den Worten „Wenn der Scheiße ist, ist er immer noch in meinen Top 10“. Für den Autor dieser Zeilen ist das der der Whisky-Cocktail Islay Storm aus der Charles Bar in Wittenberg – und das, ohne, dass er jemals da war.

Die Charles Bar gehört Martin Kramer, deutscher Cocktail-Meister 2015 und augenscheinlich jemand, der gerne und viel mit Liebe experimentiert. Schaut man auf die Karte der Charles Bar entdeckt man einen facettenreichen, aber nie überkandidelten Mix aus Drinks von süß-blumig bis rauchig-wild. Wie eben der Islay Storm, ein Drink aus Islay Whisky, rauchigem Lapsang Souchong-Tee, Zitronensaft, Ei und Schokoladen-Bitters. Wäre Wittenberg in unter einer Stunde erreichbar, nach dem ersten Durchlesen der Karte wären wir im Auto gesessen. Pardon, im Zug, weil heimfahren gäb’s dann nicht. So bleibt uns bis zum nächsten Besuch in Wittenberg nur eins: selber mixen.

Gestatten: der Cocktail-Detektiv

Auf unsere Mail-Nachfrage, ob er eventuell bereit wäre, das Rezept zu teilen, reagiert Martin Kramer nicht. Nimmt ihm keiner übel – der Mann hat Familie, eine Bar und ist als leidenschaftlicher Wettbewerbs-Mixologe viel unterwegs. Also versuchen wir uns halbherzig immer wieder selbst an dem Drink, zu dem wir auf der Webseite der Charles Bar wenigstens die Zutaten finden, wenn auch ohne Mengenangaben. Die Ergebnisse sind nie so befriedigend, dass wir Feuer fangen. Bis im Oktober 2016 unsere Patreon-Unterstützer entscheiden, dass wir mehr rauchige Cocktail-Rezepte brauchen. Finden wir gut, haben sie Recht. Für uns ist das der kleine Schubs den wir brauchen, um den Islay Storm noch einmal richtig anzugehen. Bis er geil ist und (zumindest für uns Amateure) nicht mehr geiler geht.

Wir hätten Kramer nach all den Monaten zwar nochmal anschreiben können – aber nach den ganzen halb-ausgegorenen, mal langweiligen, mal grotesk widerwärtigen Versuchen war der Ehrgeiz zu groß. Wir wollten das Ding alleine entschlüsseln. Also schmissen wir den Sherlock-Modus an. Weil die ausführliche Internet-Recherche auch jetzt noch keine Rezepte zu Tage fördert, bleibt uns zunächst nur die Beschreibung von der Karte selbst, die wir aber schon kannten:

Islay Storm 9,00 € – dry

Dieser Drink verbindet kräftige Rauchnoten mit dem rauen Klima der schottischen Inseln. Während Sie im Vordergrund Holz, Torf und Säure verführen, treffen sich im Abgang Salz, sowie Nuancen von wunderbarer Bitterschokolade. In der Nase begrüßt Sie der kräftige Duft von über Wacholder geräuchertem Salz, das den Cocktail tatkräftig in seiner Aromatik unterstützt.

Islay Malt, Chocolate Bitters, Zitrone, Lapsang-Souchong, Eiweiß

Über Online-Bewertungen der Charles Bar (alle hervorragend) inklusive Bildern wissen wir außerdem: der Cocktail wird in einer Glocke voller Rauch serviert, hat eine leichte Schaumkrone und wird in einem Single Old Fashioned-Glas serviert. Seine Farbe liegt irgendwo zwischen rot und orange. Aus diesen wenigen Infos puzzeln wir uns nun einen Islay Storm zusammen. Kleiner Spoiler: wir kommen zu einem Ergebnis, das wir – ohne das Original zu kennen – saulecker finden. Und das geht so:

Das Cocktailbart-Rezept für den Islay Storm

  • 6 cl Islay Whisky (wir nehmen Laphroaig 10)
  • 4 cl frischer Zitronensaft
  • 2 cl Lapsang Souchong-Sirup
  • 1 Eiweiß
  • 3 Dashes Chocolate Bitters
  • eine kräftige Prise Rauchsalz
  • Rauchsalz zum Garnieren

Alle Zutaten zusammen zunächst ohne Eis shaken, damit das Eiweiß eine Schaumkrone bildet. Dann auf Eis noch einmal hart shaken. In einen vorgekühlten Tumbler voller frischem Eis abseihen und mit Rauchsalz oder besser Rauchsalzflocken garnieren.

Wie wir uns dem Islay Storm genähert haben: der einfache Teil

Rauchiger Islay Whisky, Zitronensaft, Chocolate Bitters und Eiweiß – bei all dem sind wir uns relativ sicher, dass wir ein wenig damit umgehen können. Beim Islay solltet ihr persönlich ein wenig abwägen, ob ihr es – wie wir – ultrarauchig oder lieber etwas milder haben möchtet. Alle Vogelwilden arbeiten mit Laphroaig für maximalen Rauch oder mit einem Ardbeg 10 oder einem Lagavulin 16 für einen etwas feiner nuancierten Drink, der trotzdem Dampf auf dem Kessel hat. Der Drink funktioniert aber auch mit mildrauchigen Whiskys wie einem Bowmore gut. Auch Talisker und Connemara funktionieren, versauen aber den Namen – beide stammen nicht von der Insel Islay, der Connemara nicht mal aus Schottland.

Die Farbe des Islay Storm ist uns in den ersten Versuchen noch zu wenig am Original -er sieht mehr aus wie ein Whisky Sour.
Die Farbe des Islay Storm ist uns in den ersten Versuchen noch zu wenig am Original -er sieht mehr aus wie ein Whisky Sour.

Chocolate Bitters und frischer Zitronensaft funktionieren als Kombi irre gut, die Mischung aus Frische und dunklen Kakao-Tönen gibt dem Drink eine spannende Tiefe – und zwar egal welchem. Das Eiweiß verleiht dem Islay Storm eine tolle Konsistenz und eine schöne Schaumkrone. Um die hinzukriegen, braucht es den Dry Shake, also das Shaken ohne Eis. Ohne die bildet sich die Krone nicht. Bis zu diesem Punkt ist der Islay Storm im Wesentlichen ein Whiskey Sour mit Chocolate Bitters – der spannende Teil kommt jetzt erst.

Wie wir uns dem Islay Storm genähert haben: der schwierige Teil

Unser größtes Problem in diesem Drink war zunächst der Lapsang Souchong. Weil im Rezept oben nur Lapsang Souchong steht, haben wir sehr lange mit einfachem, kaltem Rauchtee experimentiert. Mal mehr mal weniger davon benutzt. War alles wässrig, selbst als wir den Tee knapp eine Stunde ziehen ließen (Lapsang Souchong wird nicht bitter!). Einmal haben wir einen Islay Whisky-Rauchtee-Cold Drip versucht, was am Ende riecht und schmeckt wie ein Stück geräucherter Speck im kalten Aschenbecher eines Raucher-Autos.

Irgendwann, als wir uns noch einmal darauf zurückbesinnten, dass der Islay Storm im Kern ein Whiskey Sour ist, fiel uns auf: das gottverdammte Ding hat keine süße Komponente – und Lapsang Souchong-Sirup ist etwas durchaus gebräuchliches, kommt zum Beispiel im Dirty Old Bastard zum Einsatz. Also haben wir ihn als Sirup eingesetzt und waren unserem Ziel ein gutes Stück näher – ab jetzt konnte man mit dem Cocktail wenigstens arbeiten, er war zumindest mal ganz lecker. Fehlte noch das Salz.

Wir arbeiteten mit einfachem Rauchsalz aus dem Supermarkt, einem ordentlichen Hickory-Rauchsalz für BBQ-Zwecke und dem Wacholdersalz aus der Ur-Beschreibung. Das Hickory-Salz funktioniert, wenn man sehr kleine Menge benutzt, das Supermarkt-Salz wirkt künstlich – wer kann, holt sich Wacholdersalz, das hat einen ausgewogen kräutrig-rauchigen Duft. Allen genannten Rauchsalzen gemein ist die rötlich-braune Färbung. Die macht die Salzkristalle zu einer tollen Deko auf der Schaumkrone, auf der sie auch wunderbar riechen und dem Drink mehr Aroma geben. Allein: unserem Islay Storm fehlt noch was. Und unsere Farbe mag auch noch nicht ganz zum Original passen. Die Lösung: Wir mixen eine ordentliche Prise des Rauchsalzes direkt mit – und geben dem Drink so noch mehr Tiefe und statt der fröhlich-gelben auch eine rot-gefährliche Farbe.

Wir räuchern unseren Cocktail

Von Fotos wissen wir, auch wenn’s nicht in der Beschreibung steht: In der Charles Bar wird der Islay Storm allem Anschein nach unter der Glasglocke geräuchert. Der Effekt dieser Spielerei ist ein ganz ähnlicher wie bei der Rauchsalz-Garnitur: Drink und Glas nehmen einen Rauchduft an, der Cocktail wird in der Nase rauchiger und intensiver. Außerdem ist die ganze Räucherei ein schönes Schauspiel für den Gast. Es macht schlicht mehr her.

Wer den Islay Storm räuchert, kann sich die Rauchsalz-Garnitur auf dem Cocktail sparen.
Wer den Islay Storm räuchert, kann sich die Rauchsalz-Garnitur auf dem Cocktail sparen.

Weil unsere Billig-Rauchpistole nach der dritten Benutzung den Geist aufgibt, waren ausführliche Tests oder Fotos hier leider nicht mehr möglich – die müssen wir nachreichen. Unser Fazit nach ein paar Versuchen aber: Räuchert ihr den Drink, braucht ihr kein Rauchsalz als Garnitur. Umgekehrt ist die Rauch-Garnitur aber zumindest geschmacklich ein schneller, unkomplizierter Ersatz für’s Räuchern, falls ihr keine Rauchpistole habt oder wie wir gerne Schund kauft, der nach ein paar Stunden den Geist aufgibt.

Wie nah ist unser Islay Storm am Original?

Wie eingangs erwähnt: Wir hatten leider noch nie die Gelegenheit, den Original-Drink zu probieren und wir kennen auch das Rezept nicht. Unsere Variante schmeckt uns – aber wie nahe sie an Martini Kramers Rezept herankommt, das müssen uns die Stammgäste aus der Charles Bar oder Kramer selbst beantworten 🙂

JohannTrasch

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